Teil 1Der Bericht (1963)

Prolog

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Bis April 1934 wohnte ich in München und musste dann, veranlasst durch die SA, am frühen Morgen des 20. April München in Richtung Straßburg verlassen. Als Mitglied der Sozialistischen Partei konnte ich leider nicht nach Wien, meiner Heimatstadt, auch schien es wegen der politischen Verhältnisse dort nicht ratsam.

Mein Aufenthalt in Frankreich dauerte nur bis Ende 1934. Ich hatte Schwierigkeiten wegen einer Arbeitserlaubnis und illegal zu arbeiten war mit Risiken verbunden, die zu tragen ich nicht gewillt war. Daher versuchte ich auf Umwegen, reichsdeutsches Gebiet meidend, in die Tschechoslowakei zu gelangen, die als vorbildliches Aufnahmeland für sozialistische Emigranten galt.

Schon diese Reise mit allen sich bietenden Schwierigkeiten wäre wert, ausführlich geschildert zu werden. Mit sehr wenig Reisegeld, dazu mit Sprachschwierigkeiten, fuhr ich durch Mähren. Menschliche Güte und menschliche Schlechtigkeit lagen so dicht beieinander, dass man unsicher wurde. Man wusste nie, ob man einen Freund oder einen Feind vor sich hatte. Die Unsicherheit gebar Zagheit und Misstrauen.

Nach fast dreimonatiger Wanderung fand ich endlich Ende Februar 1935 in Brünn, der mährischen Hauptstadt, Beschäftigung und Heimstatt. Mehr als zwei Jahre lebte ich dort, zwar bescheiden, aber ziemlich sorgenfrei, trotz mangelnder Sprachkenntnisse.

Der anhaltende Druck der Nationalsozialisten auf Österreich bewirkte dort die Lockerung der Verfolgung von Sozialisten. Ich erhoffte mir dadurch eine wirtschaftliche Besserstellung und siedelte im Januar 1937 nach Wien über. Man glaubte ja damals allgemein an die Zwei-Staaten-Theorie und wer konnte ahnen, wie groß der Appetit Hitlers war?

Das Jahr 1937 verging wie im Flug. Ich lernte meine Frau kennen und lieben, heiratete am 6. Februar 1938. Auf der Hochzeitsreise wurden wir von der Zeitungsmeldung über den Besuch Schuschniggs auf dem Obersalzberg überrascht. Das Communiqué dieses Besuches ließ mich schon die kommenden Ereignisse erahnen und ich plante eine neuerliche Emigration.

Doch die sich auftürmenden Schwierigkeiten waren von einer derartigen Schicksalstücke, so unüberwindlich, dass ich den folgenden Ereignissen ohne den geringsten Widerstand entgegenging.

Der Einmarsch der Deutschen in Österreich am 10. März 1938, meinte Verhaftung am 22. März 1938, Abtransport ins Arbeitslager Kaprun am 10. November 1938 („Kristallnacht”) bis zum 10. Jänner 1940, als der erste Polentransport aus Wien abging, das sind Daten, die aus Literatur und Presse der interessierten Öffentlichkeit zur Genüge bekannt sind, so dass ich nicht ausführlich darüber zu berichten brauche. Meine Erlebnisse sind, meines Wissens nach, der Öffentlichkeit unbekannt und ich möchte mit der Geschichte des ersten Polentransports von Wiener Juden nach Opole, Kreis Lublin, beginnen.

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