Teil 1 — Der Bericht (1963)
Abtransport
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In der ersten Januarwoche des Jahres 1940 flatterte ein Befehl der „Auswanderungsstelle” Argentinierstraße ins Haus; man habe sich bis zum 12. Jänner unter Mitnahme von höchstens 20 Kilo Gepäck, darunter zwei Decken, zur Umsiedlung im Sammellager Sperlschule einzufinden. Ferner wurde aufgetragen, die eigene Wohnung abzusperren und die Schlüssel mitzubringen.
Den Befehl Hitlers, Wien bald „judenrein” zu machen, kannten wir aus der Presse. Gerüchte, in Windeseile verbreitet, besagten, dass nun das Zusammenziehen in vorbereitete Ghettos beabsichtigt sei. Die täglich erlebten kleinen und großen Schikanen, das feindselige Verhalten eines Großteils der Bevölkerung, die, aufgeputscht durch üble Presseerzeugnisse, uns unverhohlen ihre Abneigung bekundete, das war die perfekte Vorbereitung, um uns die in Aussicht gestellte Umsiedlung schmackhaft zu machen. Wer von uns hatte so viel Phantasie, das kommende Schicksal auch nur zu ahnen? Wir wussten von schrecklicher Behandlung in den Konzentrationslagern, wir wussten auch vom Wüten der einzelnen Sadisten, ja auch das grausame Verhalten des Mobs in den sogenannten „Volksaufläufen” hatten wir zur Genüge erlebt.
Aber wir wussten nichts von einer perfekten Mordmaschinerie, von Vergasung, von Massenmord! Wer hätte auch so etwas dem Volk der Dichter und Denker, dem deutschen Kulturvolk zugetraut? Als im Ersten Weltkrieg die Gräueltaten der Deutschen durch die Weltpresse gingen, betrachteten die meisten Mitteleuropäer diese Nachrichten als Propaganda. Wir schlugen alle Warnungen gut meinender Neutraler, ja selbst die von Emigranten, die sich im sicheren Ausland befanden, in den Wind, weil wir es einfach nicht glauben wollten. Wir verharmlosten selbst bewiesene Vorkommnisse und entschuldigten sie als durch den Krieg bedingt. Wir fühlten uns ja als Bürger des deutschen Staates und nicht als Feindangehörige, wir sprachen doch die gleiche Sprache, wir hatten die gleiche Schulbildung und betrachteten uns zur selben Kultur gehörig.
Trotz Verfemung unserer Abstammung wegen waren wir eine friedfertige Gruppe, die nur ihre Ruhe, nur Schonung wollte. Allein so ist es begreiflich, dass sich nicht der geringste Widerstand unsererseits bemerkbar machte, und deshalb sind Vorwürfe der israelischen Jugend, weil wir uns nicht wehrten, unangebracht. Es fehlte auch ein Großteil der Jugend, die zu kämpfen bereit war, weil sie ausgewandert war.
Es bestanden ja keinerlei Anzeichen von Widerstandswillen, der vorsorgliche Unterdrückung notwendig gemacht hätte. Dennoch gab es Auswüchse, als ob Angst vor uns bestünde. Uns war das alles unerklärlich.
Ich überlasse es Geschichtsforschern zu erklären, inwieweit innere Schwierigkeiten oder andere Ursachen dieses Geschehen zur Folge hatten. Wir, die Betroffenen, folgten fast widerspruchslos den uns gegebenen Anordnungen, weil wir über die indifferente Haltung der anderen Staaten erschüttert waren. Nirgends zeigte sich der Wille zur Aufnahme der unglücklichen Verfolgten, überall kaum überwindbare Hindernisse und Komplikationen bei der Aufnahme. Alle Menschlichkeit schien ausgestorben, nur der materiell gut Fundierte hatte Auswanderungsmöglichkeit. Ob große oder kleine Staaten, alle haben versagt. Wenn man nur zum Vergleich die Haltung des von der Viermächtebesatzung kaum verlassenen österreichischen Staates nach dem ungarischen Aufstand von 1956 betrachtet, wie weit wurden da die Grenzen geöffnet, ohne zu fragen, ob die Flüchtlinge etwas besaßen oder nicht. Welch eine Welle von Hilfsbereitschaft in aller Welt!
1938 bis 1945 jedoch war eine Periode eines unglaublichen Zusammenbruchs der Humanität. Das ist der wahre Grund, warum wir in der Folge, führer- und vernunftlos zum Opfergang antraten. Wir fühlten uns verraten und verlassen von aller Welt.
In der Schule Große Sperlgasse, das Pendent dazu war die Schule Castellezgasse, strömten die Aufgerufenen zusammen, zumeist ältere Ehepaare mit den notdürftigsten Habseligkeiten, waren doch nur zwanzig Kilogramm Gepäck erlaubt. Allerdings wurde diese Bestimmung von den wenigsten eingehalten. Wie denn auch? Ein wenig Bett- und Leibwäsche, Eß- und Kochgeschirr, Kleider, einige liebgewordene Kleinigkeiten und dazu noch zwei Decken, da reichten keine zwanzig Kilo. So war es ein Auswanderergepäck, wie es einst auch die von Pogromen heimgesuchten russischen Kleinbürgerjuden mitnahmen. Ein wenig erfreulicher Anblick.
Die Schule stand unter der Aufsicht des berühmt-berüchtigten Untersturmführers Brunner II. Ihm assistierte ein jüdischer Ordnungsdienst, der beauftragt war, säumige Einberufene abzuholen und die Eintreffenden in leer stehende Klassenräume einzuweisen. In den kahlen Räumen mussten wir uns schlecht und recht mehr als drei Tage lang aufhalten. Wir lagen auf dem Boden, eine Decke war die Unterlage, das Gepäck, bei den meisten ein Rucksack, diente als Kopfkissen und die zweite Decke wurde zum Zudecken verwendet. Mittags und abends kam aus einer Ausspeisungsküche eine Art Eintopf, dazu erhielten wir Brot aus einem Schulmagazin. Die sich den ganzen Tag abspielenden herzzerreißenden Szenen zu schildern, würde den von mir beabsichtigten Rahmen sprengen, deshalb will ich sie nur des besseren Verständnisses wegen streifen. Alte, kränkliche Ehepaare, die sich gegenseitig stützten, Einzelpersonen, Familien mit Kindern, wobei die Erwachsenen zumeist das fünfzigste Lebensjahr hinter sich hatten, trafen nach und nach ein. Jugendliche waren wenige zu sehen. Allen stand die Furcht ins Gesicht geschrieben, alle sahen aus wie gehetztes Wild. Im Gespräch eines jeden stand sein Einzelschicksal, eine romanhafte Schilderung menschlicher Unzulänglichkeit im Mittelpunkt. Schicksalstücke am untauglichen Objekt. Man konnte schier verzweifeln darüber, dass so viel Elend, so viel Not und Furcht auf so engem Raum vereinigt war. Die große Schwermut, die überaus große Hilflosigkeit jedes einzelnen wirkte so erschütternd, dass es kein Wunder war, wenn alle willenlos den Anordnungen des Untersturmführers und seiner Organe Folge leisteten.
Bis zu vierzig Personen waren in einer Klasse zusammengepfercht. Dieses enge Zusammenleben von Menschen verschiedenster Kreise und Temperamente musste zum Nährboden von Hysterie werden. Belanglosigkeiten, im Alltag kaum beachtenswert, arteten in hochgespielte Streitigkeiten aus, die zu Feindschaft und unverständlichem Hass führten, obwohl doch alle Schicksals- und Leidensgenossen waren.
Für mich, der ich immer wieder bei solchen Szenen den Versuch unternahm, schlichtend zwischen die Streitenden zu treten, hatten diese Ereignisse eine ungeahnt heilsame Wirkung. Wie durch ein stimulierendes Medikament wurde ich aus meiner Gedankenträgheit gerissen, aus meiner Lethargie geweckt. Alle mir innewohnende Aktivität wurde neu geweckt.
Ich vergaß ganz mein eigenes Schicksal und begann mich der anderen anzunehmen. Wo es nur notwendig war, griff ich zu. Alten, hilflosen Menschen half ich beim Herrichten des Nachtlagers, beim Aufräumen am Tage. Neuankommenden schuf ich Platz, Verzweifelten sagte ich Worte des Trostes, Kranken reichte ich Medikamente. Meine Betätigung fiel auf, so dass ich vom Kommandoführer Brunner mit der Frage überrascht wurde, die mir viel Kopfzerbrechen machte. Nämlich, ob ich dableiben wollte, bis alle Transporte aus Wien heraus seien. Bei meiner Anhänglichkeit zu Wien, bei all der Ungewissheit des Kommenden ein verlockendes Angebot und gewiss der Überlegung wert. Die sich abspielenden Episoden, nervenverzehrend und aufrüttelnd zugleich, veranlassten mich abzulehnen. Ich ersehnte schon förmlich den Abtransport zum vorgetäuschten Ziel der Umsiedlung, einem Arbeit und Ruhe bietenden Ort im besetzten Polen.
Am 15. Jänner 1941 abends wurden wir alle einzeln aufgerufen. Vorher belehrte man uns, dass wir alle Wertsachen, insbesonders Geld, abliefern müssten und ein Verheimlichen die schrecklichsten Folgen hätte, ja lebensgefährlich sei. Wir mussten alle ein Dokument unterschreiben, dessen Wortlaut wir nicht einmal lesen durften. Bei einem kurzen Blick, der nur verstohlen und unauffällig erfolgen durfte, entnahmen wir, dass wir all unsere Habe, die in der verlassenen Wohnung blieb und allen unbeweglichen Besitz dem Deutschen Reich unabänderlich übereignet hatten. Also nackter Raub des Eigentums! Geld und Schmuck wurde, ohne eine Empfangsbestätigung auszuhändigen in eine Lade geworfen und jedem von uns verabreichte man zwanzig polnische Zloty als Reisegeld.
Dieser Vorgang wirkte so niederschmetternd auf uns alle, dass wir uns gegenseitig wie hypnotisiert anstarrten und kein Wort sprachen. Ganz konsterniert begaben wir uns in die Schlafräume und legten uns schweigend und sorgenvoll nieder.
Um vier Uhr früh wurden wir geweckt, in bereitstehende Lastwagen getrieben und auf den Aspangbahnhof gebracht. Dort war der Transport von der Castellezgasse schon eingetroffen und wir wurden in bereitstehende Personenwagen ganz alter Bauart, offenbar schon lange ausrangiert, verladen. Wir jeder bekamen noch von der Kultusgemeinde ein umfangreiches Lebensmittelpaket verabreicht und dann fuhr der Zug ab. Fast alle weinten, nur in unserem Abteil herrschte eine optimistische Stimmung. Wir, das heißt meine Frau und ich, fuhren gemeinsam mit einer Familie Birnbach. Er war Apotheker aus der Praterstraße und hatte zwei Töchter, 15 und 16 Jahre alt. Eine „Ich red’ mir ein, es wird nicht so arg sein” Stimmung begann sich langsam durchzusetzen. Sie ging so weit, dass ich beim Anblick des Riesenrades spontan ausrief: „Wir sehen uns wieder, auch wenn es etwas länger dauern wird!”
Die Fahrt ging über Lundenburg, Oderberg. Aufenthalte gab es wenige, wenn auch nur langsam im Güterzugtempo gefahren wurde und man sehr oft kurz in Lastbahnhöfen hielt.
Als wir in Oderberg einen längeren Aufenthalt hatten, baten wir die uns begleitenden Gendarmen um Trinkwasser und einzelne von uns durften zum Brunnen gehen.
Bei der Rückkehr mit dem Wasser, ich war es für unser Abteil holen gegangen, wurde ich von den Birnbach-Töchtern mit Lachen begrüßt. Das veranlasste einen der wachhabenden Gendarmen zu der Äußerung: „Euch wird schon noch das Lachen vergehen!” Wusste er schon, was uns erwartete?
Nach mehr als vierzigstündiger Fahrt erreichten wir am späten Abend des nächsten Tages Nalenczow, eine Umsteigstelle zu unserem Ziel Opole. Beim Aussteigen die erste unangenehme Überraschung. Am Zuge standen Gendarmen und sogenannte „Grüne Polizei”, eine aus Volksdeutschen und deutschsprechenden Polen gebildete Polizeitruppe. Sie hatten Hundepeitschen in der Hand und schlugen erbarmungslos auf Zögernde oder schwerfällig und ungeschickt Aussteigende ein. Es war ein schreckliches Bild, voller Unmenschlichkeit und Grausamkeit, besonders, wenn man sich die Menschen, die dem Zug entstiegen, vor Augen führt. Überwiegend alte, kranke Menschen, denen das mitgenommene Gepäck zur unerträglichen Last wurde, flüchteten vor den schmerzenden, pfeifenden Peitschenhieben dieser Unmenschen. Es entstand ein unentwirrbares Chaos. Trotz Peitschenhieben auf Gesicht und Rücken half ich, wo ich nur helfen konnte, damit wir in der winterkalten Nacht schnell die für uns bereitgestellten offenen Last-Waggons zur Fahrt nach Opole besteigen konnten. Auch dieser Schrecken nahm ein Ende, wenn auch viele Gepäckstücke, in heilloser Flucht zurückgelassen, am Bahnhof verblieben. Zu unserem Glück war die nächtliche Temperatur nicht so niedrig, wie es sonst zu dieser Jahreszeit in Polen üblich ist, so dass wir, wenn auch stark durchfroren, so doch wohlbehalten zu mitternächtlicher Stunde in Opole eintrafen.