Teil 1Der Bericht (1963)

Vorwort

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Das angeschnittene Thema dieses Tatsachenberichtes ist in der seit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches vergangenen Zeit viel zu oft der Öffentlichkeit präsentiert worden, um noch Interesse zu erwecken.

Wenn ich dennoch mich dazu entschlossen habe, war die Veranlassung hiezu der in vielen Nazi- KriegsverbrechensProzessen von der Verteidigung konstruierte „Befehlsnotstand”. Dieser Begriff sollte zur Rechtfertigung verantwortungsloser Taten, voll grausamster Unmenschlichkeit, ungeheurer Verbrechen und schwer zu begreifender Rücksichtslosigkeit, bar jeder Humanität dienen, und dem Angeklagten eine Verurteilung ersparen oder die Schuld verniedlichen.

Ich habe einige dieser Prozesse verfolgt und selbst auch beigewohnt, wobei ich verblüfft die Selbstsicherheit, ja teilweise die Unbekümmertheit der Personen, die unter Anklage standen, bestaunt habe. Man hätte meinen müssen, dass irgendein bisschen Schuldgefühl, ein klein wenig Erkenntnis der so großen angehäuften Schuld, ihre Haltung beeinflussen würde. Das Verstecken hinter diesem künstlich hochgespielten Begriff war nur zu willkommen, man konnte so gut sein eigenes Gewissen einschläfern, seine nicht anerkannte Beteiligung an den verübten Verbrechen bemänteln und verkleinern.

Dieser Bericht ist meiner Meinung nach geeignet zu beweisen, dass ein wenig persönlicher Mut, etwas Zivilcourage und natürlich der Wille hiezu ausreichten, um unnötigen Kadavergehorsam zu erfüllen und Mitbeteiligung an Verbrechen vermieden werden konnte, die man vielleicht später verantworten musste. Durch kluges Einfühlen, scheinbares Nachgeben konnte für die Betroffenen vieles verhindert, zumindest gemildert werden, ohne dass man in Gefahr einer Befehlsverweigerung oder Sabotage geriet.

Die zahllosen Berichte über allzu bereitwillige Erfüllung von erhaltenen Weisungen, ja Überschreitungen des Plansolls und besonders das unverständliche negative Verhalten an wichtigen Kommandostellen stehender Menschen, sind das Gegenstück zu meinem Bericht, in dem Menschen vorkommen, denen es gewiss nicht leicht gemacht wurde, dennoch Humanität zu wahren und Juden menschlich zu behandeln. Es waren nicht nur Parteigegner; ein illegales Parteimitglied mit einer l00.000er Nummer war es, das unter eigener Lebensgefahr stehend mehr als 100 Juden vor der Aussiedlung versteckte, sie menschlich behandelte und das Los der unter seinem Befehl stehenden Zwangsarbeiterschaft erleichterte. Zivile Beamte der Bauleitung der Luftwaffe und Offiziere und Mannschaft des Fliegerhorstes Deblin, denen man sicherlich am ehesten Befehlsnotstand zuerkennen müsste, hatten Mut genug, sich nicht zu Erfüllungsgehilfen von sadistischen Verbrechern zu machen. Genau so wie ich die von den Nazis missbrauchte Kollektivschuld der Juden ablehne muss ich als Folgerung meiner Erlebnisse verneinen eine Kollektivbeschuldigung im Allgemeinen, gleichgültig ob es gestern gegen Deutsche, heute gegen Russen oder Warschauer Paktstaaten verwendet wird. Immer sind es nur die Führer einer Diktatur und deren willige Helfer die so viel Elend verbreiten und so viel Verbrechen an der Menschlichkeit begehen. Darum habe ich diese Zeilen geschrieben und wenn man mir den Vorwurf machen könnte, dass es jetzt so spät an der Zeit sei, damit in die Öffentlichkeit zu kommen, so kann ich nur mich mit dem rechtfertigen, dass ich um die notwendige Distanz zu gewinnen und in voller menschlicher Objektivität berichten zu können, zugewartet habe. Es ist nie zu spät die Wahrheit zu sagen, besonders aber nicht um gerecht Stellung zu nehmen.

Ad personam möchte ich noch hinzufügen, und ist aus dem Bericht ersichtlich, wenn jemals der Begriff „Befehlsnotstand” eine Geltung haben könnte, dann wäre es ohne jede Überheblichkeit bei mir anzunehmen. Ich bin froh darüber, dass ich dank vieler glücklicher Zufälle, nicht zuletzt auch eigener Initiative so handeln konnte, dass ich mich nützlich für die Betroffenen erwies.

Man spricht viel von endlicher Bewältigung der Vergangenheit, man versucht mit Verniedlichung die für menschliche Phantasie unbegreifliche Erniedrigung des Verhaltens von Mensch zu Mensch eine Atmosphäre des Vergebens zu schaffen. Das kann nur dann geschehen wenn wirklich Tabula rasa gemacht werden würde. Wenn die wirklich Schuldigen, von denen leider noch eine große Anzahl sich der gerechten Strafe entziehen konnte, rasch einem vorurteilsfreien Gericht zugeführt werden. Meines Erachtens nach sind leider die schwebenden Prozesse, vielfach aus Verschulden der schwerfälligen Justizmaschinerie, zu spät ins Rollen gekommen. Das gibt natürlich einer gewiegten Verteidigung gute Chancen Zeugenaussagen zu erschüttern, weil die lange Zeit nach dem Geschehen, Erinnerungslücken schufen, Taten der Angeklagten in ein versöhnlich abgeschwächtes Licht zu stellen.

Nur eine klare Distanzierung von den bestialischen Grausamkeiten des 1000jährigen Reiches der Himmler und Konsorten wird wie ein reinigendes Gewitter der kommenden deutschen Generation den Beweis erbringen, dass man das 12jährige Naziregime mit seiner Unmenschlichkeit, überwunden hat. Das könnte auch dazu beitragen, das Hervorkriechen der Ewiggestrigen im Keime zu ersticken.

Im Beharren auf dem Begriff „Befehlsnotstand” seitens der Beschuldigten liegt zweifellos neben dem Wunsch der Rechtfertigung auch gewollte Absicht der Verniedlichung einer Zeit der brutalsten Vergewaltigung missliebiger Menschen.

Wenn seitens richtender, vielleicht noch der Vergangenheit anhängender oder Sympathie empfindender Menschen, diesem Begriff nachgegeben wird, dann ist zu erwarten, dass die nachgeborene Jugend, ohnedies seitens ihrer Eltern oder Erzieher mangelhaft unterrichtet, ein unwirkliches Bild dieser schmachvollen Zeit bekommt.

Den Betroffenen ist es unverständlich, dass die stattgefundenen Verbrechen verübt auf staatlicher Anordnung von Menschen, denen aufgrund ihrer Intelligenz, ihrer Bildung, ihrer ansonsten moralischen Verfassung, einer Beurteilung über die Strafwürdigkeit der Untaten fähig waren, dennoch zur Verübung willig bereit standen. Dieses Versagen der Moral zu beurteilen findet kein Verständnis, auch keine Rechtfertigung.

Erstaunen muss auch das Verhalten der Umwelt, die phlegmatisch die Verbrechen geschehen ließ, aber auch ebenso teilnahmslos über diese falsche Verantwortung sich hinwegsetzten und dadurch die Gefahr einer unrichtigen Bewertung tatsächlicher Schuld den Weg ebneten. Hier liegt auch mit ein Grund, warum ewige Gestrige glauben, unbelastet von den Ereignissen der Vergangenheit wieder eine Rolle in Amt und Öffentlichkeit spielen zu können. Sehr oft hatte ich Gelegenheit im Kreise fragender reiferer Jugend über die Zeit der Naziherrschaft zu diskutieren, und in dieser Diskussion war es ihnen unverständlich, dass sich nur so wenige Menschen bereitfanden, Hilfe den Verfolgten zu spenden. Unterlassene Hilfeleistung bei Lebensgefahr ist ein mit Strafe bedrohter Paragraph im BGB, besonders aber bei akademisch vorgebildeten Menschen. Wie viele von ihnen haben diese Hilfe versagt, ja wie viele haben stattdessen mit zur Gewalt beigetragen.

Die Zeit heilt viele Wunden, die Größe der verübten Verbrechen, die große Zahl der Ermordeten, die gewaltigen Opfer dieser Zeit bergen eine Verpflichtung in sich, schon um die Gefahr einer Wiederholung zu vermeiden, wahren Rechtsbrechern das verdiente Schicksal zu bereiten, damit opportunistische Mitläufer gewarnt sind. Deshalb auch darf man die Ausrede des „Befehlsnotstandes” nicht gelten lassen!

Viele Vorkommnisse in diesem Bericht, die bei Kenntnis der Lage im besetzten Gebiet Polens unglaubwürdig klingen, weil in diesem Meer von Gewalt, von Blut und Verbrechen, es einfach unmöglich schien, dass eine Insel existent wäre, auf der dank menschlich fühlender unter eigener Lebensgefahr stehender Befehlsempfänger, halbwegs gute Überlebensvoraussetzung geschaffen wurde; das war besonders in den letzten Kriegsjahren so einmalig, dass man dies der Öffentlichkeit nicht vorenthalten kann.

Diesen Menschen gerecht zu werden, die sich so wohltätig von der weit größeren Anzahl der mit dem Gewaltregime Mittuenden unterschieden, ist der Zweck meiner Zeilen, die nicht mit der Virtuosität eines Berufsautors niedergeschrieben sind, sondern in einem miterlebten und miterfühlten Tatsachenbericht.

Wenn dieser Beitrag imstande ist, wissbegieriger Jugend ein unverfälschtes Bild eines Mosaiks der Geschichte des Dritten Reiches zu vermitteln und den Begriff des „Befehlsnotstandes” auf das rechte Maß zu bringen, dann ist es mir wert, mitleidend gewesen zu sein und miterlebt zu haben.

Der Autor

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