Teil 1Der Bericht (1963)

Opole

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Auch hier beim Aussteigen aus den Güterwaggons wieder Schreien, Fluchen und Schimpfen vonseiten der am Bahnsteig stehenden Gendarmen. Wieder knallten Peitschen, allerdings weniger auf die Körper der Aussteigenden, sondern in der Luft, um ein beschleunigtes Verlassen des Bahnhofs zu erreichen.

Am Bahnsteig standen Opoler Juden, die hilfsbereit zupackten und sich insbesonders der Alten und Gehbehinderten annahmen. Sie wiesen uns auch den Weg zu den vom Bahnhof etwa zwei Kilometer entfernten Städtchen Opole. Der ganze Transport, er bestand aus ca. 1030 Männern, Frauen und Kindern, marschierte, beladen mit dem mitgebrachten Gepäck und dem Rest der in Wien erhaltenen Verpflegung, zu mitternächtlicher Stunde in Begleitung von einheimischen jungen Juden zum vorbereiteten Nachtlager. Dieses befand sich in der zu diesem Zwecke geräumten Synagoge des Ortes. Obwohl es Jänner war, herrschte in Opole ein ungewöhnlich mildes Winterwetter, die Temperatur lag sogar etwas über dem Gefrierpunkt, so dass wir wenigstens nicht froren.

Im Tempel angekommen wurden wir Zeuge eines allgemeinen Tohuwabohus, denn alle standen der neuen Lage fassungs- und verständnislos gegenüber. Eingeschüchtert durch den Empfang mit der Hundepeitsche, angenehm berührt von dem wirklich herzlichen Empfang durch die einheimischen Juden, daneben das trostlose Bild der primitiven Unterkunft. Eine schreckliche Dissonanz, die weiträumige Gebetsstätte, ein entweihtes Heiligtum, kahl, der Boden mit Stroh bedeckt. Dies sollte uns nun wer weiß wie lange als Wohn- und Schlafraum dienen. Die verstreuten Gepäckstücke, die Enge, hervorgerufen durch die zusammengepferchte Menge, die verschüchterten alten Menschen, das Weinen der Kinder, Stimmengewirr, ein schier unentwirrbares Durcheinander.

Spontan regte sich in unseren Betreuern das jüdische Herz. Eine Welle des Mitgefühls, der Hilfsbereitschaft überflutete uns. Jeder Einheimische nahm sich ihm zusagende Menschen als Gäste in sein Haus, ohne jedes Entgelt. Dieser Entschluss fiel sicher den meisten nicht leicht, denn die etwa dreitausendfünfhundert Köpfe zählende jüdische Gemeinde war bereits durch eine Verfügung des Kreishauptmanns, übrigens jenes berühmt-berüchtigten Wiener Buchhändlers Amon Göth, ihrer Wohnungen beraubt und in ein von der polnischen Bevölkerung abgeschlossenes, umzäuntes Ghetto gedrängt worden. Trotz eigener Not und eigener großer Sorgen zeigten sie dennoch eine Hilfs- und Opferbereitschaft wildfremden Menschen gegenüber, die noch nicht einmal ihre Sprache redeten. Das verdient, auch kommenden Generationen gegenüber gebührend erwähnt zu werden.

Ein nettes junges Paar sprach meine Frau an und lud sie ein mitzukommen. Trotz der freundlichen Worte zögerten wir anfangs, besonders, weil meine Frau durch die vorangegangenen Ereignisse so erschöpft war, dass sie nur noch den Wunsch hatte, sich hinzulegen und auszuruhen. Es bedurfte einer energischen, aufrüttelnden Rede des jungen Mannes, bis wir unser Gepäck wieder aufnahmen und dem Paare folgten. Wir gingen, ratlos und sorgenvoll. Was würde die Zukunft bringen?

Nach ungefähr zehn Minuten Weg betraten wir eine von außen sehr unansehnliche, aber innen peinlich saubere Wohnung. Sie bestand aus Küche, kleinem Vorraum, Wohnraum und zwei Zimmern. Hier lebte der Apotheker Geszychter mit seiner Frau, zwei Töchtern, sowie deren Männern.

Besonders möchte ich, eingedenk des warmherzigen Empfangs, der mir lebenslang in Erinnerung bleiben wird, der beiden Familienoberhäupter gedenken. Wir wurden begrüßt als wären wir Geschwister, die aus weiter Ferne zu Besuch kamen. Herzlichster Willkommensgruß, beruhigende Worte des Mitgefühls, Anteilnahme an unserem Leid, dazu eine üppige Mahlzeit. Man servierte uns Speisen, die wir lange entbehrt hatten. Es war wie ein Märchen. Bald löste sich unsere Scheu und wir begannen den wissbegierigen Gastgebern trotz der späten Nachtstunde zu erzählen. Es wurde wechselweise erzählt. Wir berichteten von unseren Erlebnissen in der Meinung, dass dies der Gipfel des Möglichen sei, aber als wir hörten, was man uns aus Opole zu berichten hatte, merkten wir erst, was Menschen ertragen mussten unter der Knute des Hitlerreiches. Bange fragten wir uns, was uns die Zukunft wohl noch bescheren würde. Alles war ungewiss. Ein Berg von Fragen, die Last der Sorgen und ungeahnte Befürchtungen überschatteten die sonst so angenehmen Stunden. Schließlich forderte die Natur doch ihr Recht. Müde legten meine Frau und ich uns auf den bereitgestellten Notbetten im kleinen Raum nieder. Wir schliefen, schon wegen der späten Nachtstunde, bald ein, schliefen zuerst tief, dann aber wälzten wir uns unruhig in schweren Träumen, bis wir am späten Morgen erwachten.

Mir ist noch deutlich die Gestalt des alten Geszychter gegenwärtig. Groß, intelligent, die Augen mit einer modernen Brille verdeckt, durch die sie verschmitzt auf den Besucher blickten, war er eine imposante Erscheinung. Immer zu einem Spaß bereit, immer ironisch lächelnd, suchte er unangenehme Begebenheiten stets zu bagatellisieren und bejahte optimistisch das Leben. Die liebenswürdige Art des Zuhörens, das Eingehen auf den anderen, die menschliche, verständnisvolle Haltung ließen in mir eine Verehrung wachsen. Ich bedauere es unendlich, dass es mir mein Schicksal nicht möglich machte, mit ihm nach der schweren Zeit zusammenzutreffen. In meinem Innern jedoch habe ich diesem prachtvollen Menschen ein Denkmal gesetzt, zu dem ich immer aufschauen werde. Ein wundervolles Gegenstück war seine Frau, von Beruf Ärztin. Trotz ihrer etwas unförmigen, vollschlanken Figur war sie durch ihren angeborenen Charme, ihren freundlichen, immer schalkhaft blinzelnden Augen, ihren reizenden Grübchen im vollwangigen Gesicht ein überaus netter Anblick. Ihre Art, dem Gast Speise anzubieten und zum Trinken zu ermuntern, war so entzückend, dass man einfach nicht nein sagen konnte. Man spürte, dass hier nichts Gekünsteltes war, dass alles aus vollem, tiefem Herzen kam und dass man hier wahres menschliches Mitgefühl für die von hartem Schicksal Betroffenen fand. Sie stammte aus einer reichen Juweliersfamilie des zaristischen Russlands, der Familie Szlezzynger aus Petersburg. Aus ihrem ganzen Verhalten, ja aus jeder Geste ersah man eine gute Kinderstube. In ihrem einfühlenden Verständnis zum Gegenüber merkte man die Ärztin. So wie ihrem Gatten, bewahre ich auch ihr das höchste Gefühl der Verehrung und Dankbarkeit.

Ich erlebte in meinem Leben viel Undank, besonders von Menschen, die mir viel, zum Teil sogar ihr Leben verdankten. Ich erduldete so viel Schlechtigkeit und litt unter dem Egoismus anderer, dass nicht viel gefehlt hätte und ich wäre zum Menschenfeind geworden. Nur die Erinnerung an das treffliche Ehepaar Geszychter ließ mich den Glauben an das Gute im Menschen behalten.

Die sehr gut erzogenen Töchter und deren Männer stachen von den übrigen jüdischen Einwohnern Opoles angenehm ab. Immer höflich, immer hilfsbereit, waren sie stets bemüht, uns in jeder Weise dienlich zu sein. Verständigung war möglich, weil ich ein wenig Jiddisch beherrschte. Die Umgangssprache war ja, wie in Kongress-Polen üblich, Polnisch und Russisch.

Zur Verdeutlichung der vollendeten Gastfreundschaft, die uns geboten wurde, möchte ich doch eine Episode nicht unerwähnt lassen. Die Familie Geszychter war überaus freigeistig und die religiösen jüdischen Gesetze galten als überholt und weltfremd. Die Gebote Moses’ waren in den Augen der jüdischen Intelligenz Polens überflüssiger Ballast und nur Anstoß zu der als grausam empfundenen Verfolgung.

Von mir wussten sie, dass ich meiner Abstammung wegen eine traditionellere Glaubensrichtung vertrat. Obwohl in der Familie zu Ostern nie ein Sederabend abgehalten worden war, richtete man nun nach meinen Anordnungen für beide Sederabende einen vollkommen rituellen Seder ein und ich musste ihn zelebrieren. Das erzählt sich so leicht, aber wenn man an die vorbereitenden Handlungen denkt, sieht das anders aus. Das Geschirr wurde wohl das erste Mal in ihrem Leben gekoschert, Koscherfleisch, im Hause unbekannt, bezogen, Mazzes und Koscherwein besorgt, kurz alles getan, was man in einem friedensmäßigen jüdischen Haushalt gewohnt war. Und das alles wegen einem unfreiwilligen Gast, den die Nazis in eine ihm fremde Umgebung verschickt hatten. Den Verlauf dieser beiden Abende in aller Größe zu schildern, ist schwierig. Mit einer nicht nur äußerlichen Andacht lauschten alle meinem Vortrag der Haggadah, beteiligten sich an den vorschriftsmäßigen Riten und es war rührend anzusehen, wie Alt und Jung der Erzählung vom Auszug aus Ägypten wie einer Offenbarung lauschten.

Es hatte den Anschein einer nur allzu nahen Wirklichkeit. So, als hoffte das unterdrückte, vergewaltigte Judentum, das unter dem nationalsozialistischen Joch seufzte, wieder auf einen Führer, der es aus Leid und Schmach in die helle Freiheit führen sollte.

Mit dem dritten Transport, der am 30. Jänner 1940 in Opole eintraf, kamen meine Schwägerin, meine Schwiegermutter und das Kind Ruthi. Auch sie wurden nicht vergessen. Wir durften viel von der reichen Mahlzeit für die in einer Holzbaracke am Markt Einquartierten mitnehmen und sie am Passahfest teilnehmen lassen. Ich selbst blieb nur bis zum ersten Mai 1940 im Kreise der Familie Geszychter, meine Frau mehr als zwei Monate länger. Während der ganzen Zeit wurden wir von allen wie bevorzugte Verwandte behandelt und Fremden als liebe und geschätzte Gäste vorgestellt. Ich wurde sehr oft zu geschäftlichen Beratungen herangezogen und als besonderen Vertrauensbeweis wurde mir die Abrechnung der Tageseinnahmen der Apotheke übertragen und ich musste die Rezepte einordnen. Ich widmete mich gern dieser Tätigkeit, weil ich ansonsten nur zu leicht einer tödlichen Langeweile in der Untätigkeit des Ghettos verfallen wäre. Die mit dem gleichen Transport Angekommenen verbrachten die Tage teils auf dem Marktplatz teils mit eifrigen Diskussionen. Auf dem Markt, der zweimal in der Woche abgehalten wurde, bot die Landbevölkerung Gemüse, Eier und Geflügel zum Kauf an. In Ermangelung von Barkapital veräußerten die Deportierten mitgenommene Kleidungsstücke, teilweise auch den vor der SS verborgenen Schmuck. Den Bauern war der Handel willkommen, da sie so zu Dingen kamen, von denen sie nie zu träumen wagten.

Leider brachen auch, durch die Unterbringung der Wiener in Massenquartieren mit unzureichenden sanitären Anlagen, infektiöse Krankheiten aus, die fast täglich alte Menschen dahinrafften. Der Weg zur letzten Ehrung wurde so ein Mittel zur Ausfüllung der Tageslangeweile.

Das führte offenbar zur Brechung jedes Widerstandswillens. Man fühlte, wie täglich immer mehr die Lethargie wuchs, wie alle stumpf dreinzublicken begannen, ganz ihrem Schicksal ergeben. Das Bibelwort von dem Tag, „wo die Lebenden die Toten zu beneiden beginnen” schien angebrochen.

Schon beim Eintreffen des ersten Transports hatte man den Eindruck, dass im Ghetto kein Platz mehr für einen weiteren Zustrom vorhanden war. Das einzige zur Verfügung stehende Gebäude, die Synagoge, war in allen Räumen, auch auf den Gängen, überfüllt. Ein halbwegs erträglicher Zustand wurde nur dadurch erreicht, dass Opoler Juden trotz beengter Wohnverhältnisse einzelne aus unserem Transport bei sich aufnahmen.

Schon zwei Wochen nach unserer Ankunft wurden wir von der Nachricht überrascht, dass der dritte Transport aus Wien (der zweite wurde nach Kielce geleitet) bei uns untergebracht würde. Voller Schrecken versuchte das inzwischen installierte Komitee aus Opolern und Wienern, neue Einquartierungsmöglichkeiten zu finden. Wohl hatte der Kreisleiter von Pulawy den Bau von Holzbaracken in Aussicht gestellt und die bisherige Einquartierung als Provisorium bezeichnet, das in kürzester Zeit beseitigt werden würde. Aber wohin bis dahin mit den Menschen?

Schien es doch wirklich unmöglich, sie noch irgendwie menschenwürdig unterzubringen! Das zum Glück milde Winterwetter erleichterte zwar etwas die prekäre Situation, aber es fehlte an Raum.

Da verfiel man auf den einzig möglichen Ausweg, nämlich die sonst von Fleischern und Gemüsehändlern als Verkaufsstände benutzten Holzbuden auf dem Marktplatz zu Wohnbaracken zu machen. Die Größe solcher Buden lag bei acht Quadratmetern, vorn war eine 80 cm breite Tür und in ein Meter Höhe beginnend, waren zwei aufklappbare Läden angebracht. Die Hinterwand war mit Regalen verbaut und außerdem existierte ein Kühlkasten oder eine Ablage. In einer solchen Bude wurden vier bis sechs Menschen untergebracht. Dazu wurde nunmehr zwangsweise bei jeder ortsansässigen jüdischen Familie einquartiert und in der Synagoge pferchte man noch mehr Menschen zusammen. Es ist klar, dass dieser Zwang zu einem Enger aneinanderrücken die Stimmung der Einheimischen umschlagen ließ. Die anfangs herrschende Welle des Mitleids und Atmosphäre des Mitgefühls machte einer des Unmuts Platz. Dazu kam noch, dass durch die fürchterliche Enge, durch die jeder Hygiene hohnsprechenden Zustände, es fehlten einfachste Reinigungsmöglichkeiten, die Bahn frei wurde für Krankheiten aller Art. Baden war nur in der rituellen Mikwah möglich, da Badezimmer im Ghetto eine Rarität darstellten. Bei unfreundlicher Witterung war man mangels anderer Möglichkeiten gezwungen, in den engen Unterkünften zu bleiben.

Die zahlreichen Akademiker des dritten Transportes, es waren viele Ärzte, Lehrer, auch Pensionisten, darunter, litten unsagbar unter der Beengtheit.

Mit dem dritten Transport kamen auch meine Schwiegermutter, 71 Jahre alt, meine Schwägerin, 26, ihr Lebensgefährte 32 und deren Kind Ruth, 3 Jahre alt, in Opole an.

Dank meiner Bekanntschaft mit Herren des Komitees gelang es mir durchzusetzen, dass diese Familie gemeinsam in einer einzelnen Bude untergebracht wurde. Ich besorgte ihnen ein kleines Öfchen, damit sie heizen konnten und so das Wohnen in der luftigen Behausung, wo der Wind durch alle Ritzen blies, halbwegs erträglich zu machen. Dank der Hilfe der Familie Geszychter konnte ich auch sehr oft durch Milch, Suppe oder Fleisch die durch eine inzwischen installierte Ausspeisung verabreichte Schmalkost etwas aufbessern.

Im April wurden zum Aufbau der zugesagten Baracken Hilfskräfte gegen geringe Bezahlung gesucht. Alle arbeitsfähigen Männer griffen freudig zu. Einmal, um der Langeweile zu entrinnen, aber auch, um den leeren Geldbeutel etwas aufzufüllen. Auch ich meldete mich zur Arbeit, obwohl sich die Familie Geszychter dagegen wehrte, dass ich an die harte Arbeit in morastigem Gelände heranginge, weil sie für meine Gesundheit fürchteten. Sie wollten den finanziellen Anreiz dadurch aus der Welt schaffen, dass sie mir Entschädigung für meine Betätigung bei ihnen anboten. Die Zusammenarbeit der über zweitausend Wiener mit den einheimischen Juden gelang nicht. Auseinandersetzungen wegen nichtiger Kleinigkeiten waren an der Tagesordnung. Auch die Ungewissheit zerrte an den Nerven und die durch mangelnde Hygiene verursachten Krankheiten forderten immer mehr Opfer. Es nahmen ja auch die zum Verkauf oder Eintausch vorhandenen Schmuckstücke einmal ein Ende und jeder fragte sich, wie es dann weiter gehen sollte. Was sollte werden an dem Tag X, dem Tag, an dem es nichts mehr zu tauschen gab?

Die schnell verbreiteten Gerüchte trugen viel zu der immer verzweifelter werdenden Stimmung bei, besonders deshalb, weil deutsche Zeitungen fehlten. Als am 1. Mai 1941 die Anordnung kam, dass sich alle Arbeitsfähigen zur Einteilung an eine Arbeitsstelle auf dem Marktplatz zu melden hätten, da fanden sich zumeist Wiener ein, unter denen auch ich mich befand. Wir warteten kaum eine halbe Stunde, es war gegen neun Uhr morgens, als wir von mehr als dreißig berittenen „Grünen Polizisten” (das waren Volksdeutsche Polen) umzingelt wurden. Außerdem erschien deutsche Gendarmerie mit Hunden. Überrascht und fassungslos standen wir da, während die Opoler, mit solchen Situationen offenbar vertraut, sehr geschickt das Weite suchten. Mit Peitschenhieben, wüsten Drohungen und Schreckschüssen aus Pistolen und Karabinern wurden wir zum Laufschritt angehalten und aus dem Dorf getrieben. Das Ziel blieb uns unbekannt, es ging über Stock und Stein. Als wir einen dichten Wald durchquerten, flüchteten wieder Einheimische. Einige wurden auf der Flucht erschossen und blieben am Wegrand liegen, ohne dass sich jemand um sie kümmern durfte. Ich wurde besonders im Auge behalten, weil ich besonders feierlich angezogen war. Ich trug einen langen schwarzen Wintermantel und einen breitrandigen schwarzen Hut und wurde von unseren Bewachern immer als „Rabbiner” angesprochen, so sehr fiel ich auf. Nach achtzehn Kilometern Dauerlauf erreichten wir bei Pietravin die Weichsel. Manche stürzten, von Schwäche übermannt unterwegs zu Boden und wurden mit einem Genickschuß niedergestreckt. Von den vierhundert Umzingelten in Opole verblieben 234, die in Pietravin auf einen Weichseldampfer verladen wurden. Über das Ziel unserer Reise wurden wir im Unklaren gelassen, bald hieß es Lublin, bald Deblin (das frühere Iwangorod). Nach einigen Stunden Dampferfahrt legten wir schließlich an der Schiffstation Deblin an. Damit begann eines der ereignisreichsten Kapitel meines Lebens. Ein Kapitel voll aufregender Erlebnisse, dramatischer, aber auch rührender Art.

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