Teil 1Der Bericht (1963)

Deblin

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Zuerst wurden wir in einem leerstehenden Haus, auf Gängen, Dachboden und Treppenhaus untergebracht. Der Judenrat in Irena, einem Vorort, wurde verständigt. In den späten Nachmittagsstunden brachte man uns als erste Mahlzeit an diesem schrecklichen Tage Brot, Marmelade und Tee. Das Lager war der nackte Boden.

Wir waren glücklich darüber, dass draußen ein wundervoller Frühlingstag mit warmem Sonnenschein war. Ein Bild, das im starken Kontrast stand zu unserem Gemütszustand. Mit Bangen sahen wir dem nächsten Morgen entgegen. Auch war es nicht schwer, sich die Angst der Zurückgebliebenen auszumalen. Ich glaube, dass keiner von uns diese Nacht geschlafen hatte, und das nicht nur wegen der Unbequemlichkeiten. Nach der schweren Nacht erfolgte am Morgen ein Appell. Wir wurden außerhalb des Fliegerhorstes zu einer neuerbauten geräumigen Holzbaracke gebracht. Drinnen fanden wir Holzpritschen mit prall gefüllten Strohsäcken und je zwei Wolldecken. Das sollte fortan unsere Unterkunft sein. Nachdem jeder eine Schlafstelle in Besitz genommen hatte, wurden wir auf den Horst zur Arbeit geführt. Unsere Bewachung erfolgte durch Soldaten, anscheinend zum Frontdienst untaugliche Landser, die uns beruhigten und uns viel vom ersten Schrecken nahmen. Wir mussten im Straßenbau arbeiten und Wälle zur Deckung der Flugzeuge vor feindlichen Luftangriffen aufhäufen, denn es gab auf dem Flugplatz viel zu wenig Hangars. Das Rollfeld war stark vergrößert worden, um den vielen Kampfflugzeugen Landungsmöglichkeiten zu bieten. Schon nach kurzer Zeit, nach etwas mehr als acht Tagen, ereignete sich ein glücklicher Zufall, der für die ganze weitere Zeit bis zur Deportation am 23. Juli 1944 für mich, meine Familie und fast 900 Juden bestimmend war. Wenn ich heute, beim Schreiben dieser Zeilen, nach fast 26 Jahren an diese Szene zurückdenke, muss ich demütig an das Walten einer höheren Macht glauben.

Ich arbeitete an einer Betonmischtrommel. Als ich von meiner Arbeit aufblickte, ich war von meiner Beschäftigung beim Tauernkraftwerk her gewöhnt, mit wachen Augen bei der Sache zu sein, bemerkte ich einen Offizier, der uns zusah. Es handelte sich, dem Ärmelstreifen nach, um einen Hauptmann der Luftwaffe. Ich traute anfangs meinen Augen nicht und dachte, mich narrte meine Phantasie. Allein, je öfter ich hinsah, desto sicherer war ich. Es war ein Kriegskamerad vom österreichischen Infanterieregiment Nr. 24, den ich im August 1918 schwer verwundet von einer Bergkuppe auf der Hochfläche von Doberdo auf meinem Rücken im Kugelregen zum Sanitätsplatz getragen hatte. Ich war sonst nie von Minderwertigkeitskomplexen heimgesucht, aber hier hatte ich Hemmungen, mich zu erkennen zu geben. Ich wusste ja nicht, wie die Reaktion sein würde, man hatte ja bittere Erfahrung sammeln können, aber dennoch entschloss ich mich dazu, trotz schmutzverkrusteter Kleidung und entsprechendem Aussehen vorzutreten und ihn anzusprechen.

Anfangs war er indigniert über die Frechheit dieses durch ein weißes, „Lente” genanntes, Band am linken Arm gekennzeichneten Juden, wurde aber sofort zugänglicher, als ich meinen Namen, mein Regiment und den Vorfall von Doberdo in knapper, gekonnt militärischer Form erwähnte. Zum größten Erstaunen meiner Arbeitskameraden und der Wachsoldaten umarmte er mich und frug mich, wieso ich hierhergekommen sei. Nachdem ich ihm in kürzester Form Aufklärung gegeben hatte, ging er zum kommandierenden Unteroffizier und gab ihm den Befehl, mich am anderen Morgen gut gereinigt zur Abholung durch eine Patrouille bereitzuhalten. Als er wegging, bestürmten mich natürlich meine Kameraden und wollten wissen, was eigentlich los sei. Ich konnte ja nur erzählen, was gewesen war, aber was kommen sollte, wusste ich noch nicht im Entferntesten. So verbrachte ich wieder eine vollkommen schlaflose Nacht, meine Gedanken gingen wie auf Rädern, ich malte mir die unwahrscheinlichsten Möglichkeiten aus, darunter die Rückkehr mit meiner Familie nach Wien. Denn die anfängliche Annahme, dass die Umsiedlung nach Polen Schonzeit für uns bedeutete, hatte sich offenbar als Trugschluss erwiesen. Ich ahnte Schreckliches, aber die dann wirklich folgende Gewalt des Schreckens konnte niemand ahnen.

Am Morgen wurde ich schon um fünf Uhr früh zur entsprechenden Reinigung ausnahmsweise aus der Baracke gelassen. Ich unterzog mich am Brunnen einer gründlichen Reinigung. Mit den mir zur Verfügung stehenden kümmerlichen Hilfsmitteln säuberte ich Schuhwerk und Kleidung, so dass ich halbwegs zivilisiert aussah. Um 8.30 Uhr wurde ich von einem Horstpolizisten abgeholt und in die Flugplatz-Kommandantur geführt. Im Vorraum des Kommandanten, des Oberstleutnants Hönig, musste ich bis 9 Uhr warten, immer gemustert von den vorbeieilenden Offizieren und Soldaten. Punkt neun Uhr betrat mein Kriegskamerad, Hauptmann Eduard Bromofsky, den Vorraum und nach kurzen Verhaltensmaßregeln, wobei er mich duzte, wurde ich in das Allerheiligste gebracht. Dort wurde ich nach militärisch knapper Meldung mit folgenden Worten vorgestellt: „Herr Oberstleutnant, das ist der Kriegskamerad, von dem ich gesprochen habe und der mir das Leben gerettet hat. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie ihm, wenn er schon das Pech hat, Jude zu sein, doch irgendwie helfen könnten.” Der Oberstleutnant musterte mich geraume Zeit. Meine stramme Haltung und die kurze Beantwortung seiner Fragen schienen Eindruck gemacht zu haben. Er griff zum Telefon und ließ sich mit dem Oberstabszahlmeister verbinden. Wolfram, so war sein Name, unterstand das Judenlager. Ihm teilte der Oberstleutnant mit, dass er ihm einen außergewöhnlichen Juden zuweise, das Weitere würde mündlich besprochen. Ich wurde beauftragt, mich sofort zu Wolfram zu begeben, der alles Weitere verfügen werde. Mit der Äußerung: „Sie brauchen sich nicht zu fürchten, bei der Wehrmacht, besonders bei den Fliegern, sind Sie gut aufgehoben”, wurde ich verabschiedet.

Unter Dankesbeteuerungen verließ ich den Raum und wartete draußen auf den Hauptmann, um Weiteres zu erfahren.

Nach einigen Minuten kam Bromofsky und berichtete: „Hermann, du hast wirklich Glück! Der Oberstleutnant hat Gefallen an dir gefunden und dem Stabszahlmeister aufgetragen, sich um dich zu kümmern und dein Los zu erleichtern. Ich habe auch mit ihm über die Zukunft gesprochen. Er erklärte mir ausdrücklich, wenn es für Juden in Polen Überlebensmöglichkeiten gibt, dann nur in einem Arbeitslager, besonders aber in einem der Wehrmacht. Alle bestehenden Ghettos sind nur für kurze Zeit eingerichtet, Chancen zum Überleben haben nur zum Arbeitseinsatz Geeignete, alles andere ist der Vernichtung geweiht. Wenn du willst, dass deine Frau und deine Familie am Leben bleiben, dann schau, dass du sie aus Opole hierher bringst. Ich werde dir helfen so viel ich kann.” Mit herzlichen Dankesworten verabschiedete ich mich von ihm und begab mich zu Wolfram in die Verwaltung, um mehr zu erfahren. Wenn ich an den weiteren Verlauf der Geschehnisse denke, so stimmte es, dass man schon 1940 in den höheren Kommandostellen genau wusste, welch schreckliches Schicksal den deportierten und einheimischen Juden bevorstand. Deshalb zweifle ich immer, wenn mir jemand von der älteren Generation sagt, es hätten nur sehr wenige von den Schrecken, der Gewalt und den unerhörten Verbrechen gewusst, weil alles eine Mauer des Schweigens umgab. Mir geht es nicht in den Sinn, dass so viele Mitwisser den Mund gehalten haben konnten. Eher glaube ich daran, dass es sich ähnlich verhielt wie mit jenem Reichen, der einen Schnorrer mit den Worten „Geh, du brichst mir das Herz” aus dem Hause werfen ließ. Das Nichtwissenwollen, das ein schlechtes Gewissen übertönen sollte, scheint mir bezeichnend für diese Epoche. Millionen Soldaten, Zivilisten, darunten sicher auch viele Gegner des Regimes, dazu die Hunderttausende von Fremdarbeitern, die aus den besetzten Gebieten ins Reich kamen. Alle sollen geschwiegen haben oder auf Unglauben gestoßen sein? Das kann beim besten Willen kein Normaldenkender glauben.

So wie damals ist der Hang zur Bagatellisierung gang und gäbe. Durch Vermittlung des Zahlmeisters wurde ich der Bauleitung der Luftwaffe zugeteilt und dem Ingenieur Figura unterstellt. Dieser machte mich zum Gruppenführer der etwa 100 bei der Firma Autheried aus Wien eingesetzten Juden, die im Straßenbau beschäftigt wurden. Ich musste die Lohnverrechnung machen, die Lebensmittel anfordern und auch für notwendige Medikamente sorgen. Es war eine Arbeit, die mir viel Freude machte, denn ich konnte für die schwer arbeitenden Menschen so manches erreichen, was ich nicht in der kühnsten Phantasie hätte erträumen können. Die Tätigkeit bei der Firma Autheried war nicht nur für mich nützlich. Ich konnte später dank der Hilfe des Horstkommandanten meine Frau aus Opole zu mir nehmen und für die mit mir am 1. Mai gefangenen Kameraden Wäsche, Lebensmittel und andere notwendige Dinge von den in Opole verbliebenen Familienmitgliedern besorgen. Wer die Verhältnisse im besetzten Polen kannte, kann beurteilen, welchen Haupttreffer ich gezogen hatte.

Im Anschluss an diesen Bericht veröffentliche ich zwei eidesstattliche Protokolle, die über meine Tätigkeit Auskunft geben. Zwei Episoden möchte ich besonders herausstreichen, weil sie viel dazu beitrugen, dass ich im weiteren Verlauf der Leidenszeit in Polen Mut und Rückgrat und auch in den verzwicktesten Situationen einen klaren Kopf behielt und scheinbar Aussichtsloses wagte, um das bisschen Leben zu erhalten.

Eines schönen Sommertages saß ich in der Baukanzlei über meine Lohnverrechnungen gebeugt, mir gegenüber der Kanzleileiter Hatzeck, ein Wiener, Arier, aber Gegner des Naziregimes, der als Dienstverpflichteter bei der Firma Auteried eingesetzt war und als politisch Unzuverlässiger galt. Wir verstanden uns ausgezeichnet und dank seiner Mithilfe erreichte ich manche Lohnaufbesserung, manche bezahlte Überstunde für meine jüdischen Kameraden. Auch Lebensmittelzuteilungen, für Juden sonst unerreichbare Medikamente besorgte er und nicht zuletzt war er eine Verbindung mit Wien, sowohl für mich als auch für meine Wiener Leidensgenossen, weil wir durch ihn Nachricht über unser Schicksal geben konnten und Pakete aus Wien erhielten.

Ganz überraschend stürzte ein jüdischer Arbeiter schweißbedeckt und mit tränennassen Augen in die Kanzlei und schrie uns beide an: „Rettet uns doch, da draußen ist ein Deutscher, der lässt uns mit vorgehaltenem Revolver auf dem Bauch im Dreck kriechen, befiehlt uns Auf und Nieder und quält uns noch zu Tode!”

Ich wandte mich fragend zu Hatscheck, er blickte mit einem Ausdruck des Bedauerns zu mir und erklärte achselzuckend, dass er nicht wage, hinauszugehen und der Quälerei ein Ende zu machen. Der Mann sei offenbar betrunken und bei der Unberechenbarkeit eines solchen Sadisten wolle er sein Leben nicht riskieren. Ich überlegte nur kurz, dann ging ich mit dem Arbeiter aufs nahe Flugfeld und streifte meine Judenbinde unterwegs ab, um nicht gleich als Jude erkennbar zu sein. Eilig begab ich mich zur Arbeitskolonne. Was ich sah, erregte mich derart, dass ich alle Vernunft vergaß. Ohne an die möglichen Folgen zu denken, grüßte ich mit dem Hitlergruß und schrie den Uniformierten mit hochgestrecktem Arm an: „Sie sind ja verrückt geworden. Wir haben eine kriegswichtige, terminisierte Arbeit zu verrichten. Sie sabotieren! Wenn Sie nicht sofort verschwinden, melde ich Sie dem Horstkommandanten! Das Weitere können Sie sich ja selbst denken!”

Meine erregten Worte, mein bestimmtes Auftreten verblüfften ihn tatsächlich und er trollte sich weg, während meine Kameraden ganz verdutzt auf mich blickten. Für sie war es mehr als ein Wunder, meine Frechheit und die Wirkung auf den Betrunkenen. Sie dachten ja daran, welche Folgen es für mich haben konnte, wenn es bekannt würde, dass ich als Jude mit „Heil Hitler” gegrüßt hatte, dass ich als Jude einen scheinbar allmächtigen Deutschen eingeschüchtert hatte und der Deutsche noch dazu willig meiner Impertinenz erlag.

Als ich wieder in die Kanzlei kam und den Ingenieur Kozak antraf, machte ich ihm ohne jede Einschränkung Meldung von meinem Vorgehen und groß war mein Erstaunen, als er, ohne lange nachzudenken, mir Anerkennung zollte. Er versicherte mir, dass ich in seinem Sinne gehandelt hätte und dass er mich jedem gegenüber decken würde. Er wollte den deutschen Stellen gegenüber erklären, dass er mir zu einem solchen Verhalten ausdrücklichen Befehl erteilt hätte, um eine fristgemäße Fertigstellung der aufgetragenen Arbeiten zu erreichen.

Ingenieur Kozak war ein illegaler Parteigenosse und ein menschlich handelnder Vorgesetzter. Das bewies er sehr oft, indem er sich bemühte, außer der Reihe für die schwer arbeitenden Juden Lebensmittel zu beschaffen, Lohnzulagen zu erreichen und er sorgte auch dafür, dass die ihm unterstellten Baupoliere die sonst in Polen üblichen Misshandlungen von Zwangsarbeitern unterließen. Folgendes rechne ich ihm besonders hoch an:

Es war die erste Aussiedlung in Irena. Jeder dort wohnende Jude schwebte in Gefahr, zum Abtransport ausgewählt zu werden und das bedeutete die Fahrt in den sicheren Tod, die Fahrt in die Gaskammern. Ich war in der Kanzlei des Fliegerhorstes nicht gefährdet, aber meine Frau, meine Schwiegermutter, über 70 Jahre alt, und mein Adoptivkind Ruthi, 4 Jahre alt, lebten in Irena und waren ganz besonders in Gefahr, wie natürlich auch die an der Straße nach Ryki arbeitenden Juden der Firma Auteried. Da gab der Ingenieur, der rechtzeitig von der Aussiedlung erfuhr, den Auftrag, dass sich alle Juden in der Materialienhütte der Bauabteilung einfinden sollten, um die Aussiedlung abzuwarten. Ich durfte meine Familie mit in die Hütte bringen. So konnte ich sie vor äußerster Gefährdung bewahren.

Ich muss wohl auch berichten, wie ich meine Frau nach Deblin bekam. Am Anfang meines Aufenthalts in Deblin war ich am Fliegerhorst mit allen anderen in Opole gefangenen Kameraden untergebracht. Nach meiner Einsetzung als Gruppenführer erhielt ich die Erlaubnis, mir im Orte Irena ein Privatquartier zu suchen. Ich fand auch bald einen kleinen möblierten Raum bei dem Ehepaar Langleben. Das war der Anstoß zu meinen Bemühungen, meine in Opole verbliebene Frau zu mir zu holen. Ich dachte an die Erklärung des Hauptmann Bromofsky, wonach ein Überleben in Polen nur in einem Arbeitslager möglich sei und war natürlich bestrebt, meine Frau bei mir zu haben. Dank der Hilfe der Bauleitung bekam ich eines Tages ein Lastauto mit vier Soldaten der Horstkompanie gestellt und durfte außer Wäsche, Kleidern und Lebensmitteln für meine Kameraden auch meine Frau mit nach Deblin nehmen. Es war nicht einfach, meine Frau zum Mitkommen zu bewegen. Die Familie Geszychter war gar nicht erbaut darüber, dass meine Frau die Geborgenheit bei ihnen mit der Ungewissheit des Lagerlebens vertauschen sollte. Ich musste all meine Beredsamkeit, ja ziemlich energisches Auftreten aufbieten um glaubhaft zu machen, dass nur in Deblin Aussicht auf Überleben bestand und dass ich daran unbedingt glaubte. Nach langem Zögern entschloss sich meine Frau doch, mit mir zu gehen und wir verabschiedeten uns unter vielen Tränen voller Dankbarkeit von der so hilfsbereiten Familie. Den ganzen Weg, es waren fast sechs Stunden Autofahrt, sprachen wir nur von unseren Gastgebern.

In Irena angekommen führte ich meine Frau in das kleine Zimmer bei Langlebens und verteilte anschließend an meine Kameraden die sehnsüchtig erwarteten Sachen. Ich brachte auch Nachrichten mit und die erschütternden Szenen der Freude und des Dankes waren getragen von Optimismus, da es ja schien, als ob alles nicht ganz so arg sei, wie man am Anfang befürchtete.

Schon bald bekam ich ein besseres Dachbodenzimmer bei der polnischen Familie Daruszewski und ich holte nacheinander meine Schwiegermutter und das Kind meiner Schwägerin zu uns nach Irena. Sie selbst wollte trotz allem Zureden nicht nach Deblin. Wohl hatte sie mit ihrem Mann aus dem Notquartier auf dem Marktplatz in eine große Wohnbaracke übersiedeln können, aber dennoch, es war ein Massenquartier mit allen Nachteilen eines solchen. Als ich sah, wie verwahrlost das Kind aussah, so verlaust und voll Grind am Kopf, stand für mich fest, dass ich mich dieses hilflosen, kränklich aussehenden Wesens annehmen musste. Ich übte fast Druck auf meine Schwägerin aus und erreichte schließlich, dass Ruthi mir mitgegeben wurde. Auf dem Rückweg nach Irena, mit Wachtmeister Knappeider, der mit amtlichem Auftrag nach Pulawy unterwegs gewesen war und mit dem ich durch Vermittlung der mir wohlgesinnten Bauleitung fahren durfte, ereignete sich folgender Vorfall:

Wir durchquerten einen Wald, es war dunkle Nacht, als wir plötzlich von dem berüchtigten, wegen seiner Gewalttätigkeit gefürchteten Kreisleiter von Pulawy, Göde, aus einem Personenauto heraus angehalten wurden. Wachtmeister Knappeider stieg aus dem Plachenwagen, machte dienstliche Meldung und ich zitterte im Wageninnern. Schließlich stieg ich mutig aus dem Wagen, grüßte mit „deutschem Gruß” und meldete mich als Vorarbeiter der Baufirma Auteried, der wegen jüdischer Zwangsarbeiter aus Opole unterwegs war. Diese Falschmeldung wurde von Knappeider geistesgegenwärtig bestätigt und so fuhren wir unbehelligt nach Deblin weiter, wo wir gegen Mitternacht ankamen. Beim Aussteigen gab mir Knappeider die Hand und sagte: „Du hast dich und mich gerettet. Wir waren beide in großer Gefahr. Dank deiner strammen Falschmeldung hast du dein und des Kindes Leben erhalten und mich vor einer schweren Disziplinarstrafe bewahrt. Das vergesse ich dir nicht und wenn du mich irgendwie brauchst, komme ruhig zu mir.” Das war ein großes Plus für mich, denn die deutsche Gendarmerie war ja gewissermaßen tonangebender Ordnungsfaktor vor dem Krieg mit Russland und im gewissen Sinne auch danach.

Unvergesslich wird mir der gar nicht lange Weg in mondheller Nacht bleiben, den ich von der Gendarmerie bis zu meiner Wohnung zurücklegen musste, menschenleer die Straßen, es bestand ja ab 10 Uhr nachts Ausgehverbot für alle Nichtdeutschen.

Ich mit dem Kind auf dem Arm, gewärtig, dass mich eine Patrouille anhielt oder gar ohne Anruf auf mich schoss. Das alles lag im Bereich des Möglichen, und dennoch ging ich ohne Furcht, weil ich im Innern spürte, dass alles gut ausgeben musste. Nicht nur dieses Mal, auch in allen anderen prekären Situationen hatte ich so ein gutes, optimistisches Gefühl. Ich weiß nicht, worauf ich dies zurückführen soll, jedenfalls glaubte ich sicher zu sein, alle Gefahr heil zu überstehen.

Unvorstellbar groß war die Freude meiner Angehörigen, als ich mit Ruthi ankam. Sie waren schon sehr besorgt um uns, wähnten das Schrecklichste und nun sahen sie uns heil und gesund wieder. Es war einer der glücklichsten Tage jener schrecklichen Zeit.

Ich entsinne mich noch sehr gut der ersten Aussiedlung. Es war im April 1941. Zuerst war ja das etwa sechs Kilometer entfernte Ryki an der Reihe. Ich saß, wie ich wohl schon erwähnte, sicher in der Baubaracke der „Auteried” und sah vom Kanzleifenster aus den Vorbeimarsch der Unglücklichen. Sie wurden getrieben von grüner Polizei und SS. Alt und Jung schwer schleppend an den Bündeln, in denen sich wahrscheinlich nur rasch Zusammengerafftes, Kleider, Wäsche oder dergleichen, befanden. Ein unvorstellbares Bild des Grauens, die Masse der schwer unter ihren Lasten keuchenden Menschen, klatschende Peitschenhiebe auf Taumelnde, Zögernde und Stürzende. Krachende Schüsse und die am Schluss des Zuges fahrenden Panjewagen voller Leichen zeugten von dem schrecklichen Schicksal jener, die erschöpft zusammengebrochen waren. Zum ersten Male sah ich das wahre Gesicht der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus, zum ersten Male sah ich solch unaussprechliche Brutalität, wie ich sie mir nie hätte vorstellen können. Ich habe wohl später noch so manches an Grausamkeit gesehen, aber dieser Zug des Schreckens übertraf alles, was mein Verstand begreifen konnte.

Ich hatte ja von Grausamkeiten gehört — aber solch organisierten Massenmord, nicht einmal durch ein politisches Mäntelchen gedeckt, sah ich damals zum ersten Mal mit eigenen Augen und ich danke meinem Schicksal, dass es auch das einzige Mal war.

Hier drängt es mich, all denjenigen, die schon sagen, es sei genug der Aufzeichnung solcher Geschehnisse, man könne endlich den Schlussstrich ziehen unter diese unerfreuliche Vergangenheit, nachdrücklich zu versichern, dass sie übel beraten sind. Nur die stete Erinnerung daran kann die beklagenswert große Masse der Indifferenten daran hindern, sich ins Schlepptau der ewiggestrigen Nutznießer jenes mörderischen Gewaltregimes zu begeben. All jene, die es nicht miterlebt haben, die diese Schrecknisse nur vom Hörensagen kennen, werden nur schwer begreifen, dass so etwas geschehen konnte. Kein menschliches Vorstellungsvermögen kann die tatsächlichen Vorgänge in ihrer ganzen Breite erfassen. Die Erfindungsgabe der Sadisten des „Dritten Reich” war derart groß, dass sie jenseits noch so reicher Begabung an Phantasie liegt. Das „Niemals vergessen!” kann nur durch stetige Gedächtnisauffrischung zu „Nie wieder!” führen.

Die begangenen Gewaltverbrechen waren so unerhört, dass kein Beteiligter eine Verjährung oder Begnadigung fordern darf. Jede Beschönigung, jedes Vergessenwollen dient nur dazu, diese ruhmlose Zeit der deutschen Geschichte wieder salonfähig zu machen, das sehen wir auf der gegenwärtigen politischen Bühne. Ich bin der größte Gegner der Kollektivhaftung eines ganzen Volkes, für die Schuld der Machthaber jenes zwölfjährigen tausendjährigen Reiches jedoch gibt es kein Pardon. Im Namen der gequälten abermillionen Menschen Europas und der durch die Folgen des verlorenen Krieges Vertriebenen appelliere ich an die dazu berufenen Politiker: Vermeidet jede Hilfeleistung, jede Verbindung, sei sie noch so opportun in Bezug auf jene ewiggestrigen Drahtzieher einer neuauflebenden Bewegung, die schon so viel Unglück über die Menschheit gebracht hat. Dieses allgemeine Abschweifen von meinen eigentlichen Erlebnissen halte ich deshalb für notwendig, weil sie mir zum Verständnis der folgenden Zeilen notwendig erscheinen.

Einige Zeit vor dem deutschen Überfall auf Russland waren die Baracken der Bauleitung an der Weichsel fertig, mit einem Drahtzaun umgeben und von jüdischen und polnischen Zwangsarbeitern belegt. Die Planskizze auf der folgenden Seite soll die Situation veranschaulichen. Ich wurde der Kanzleiführer des Lagers, das unter der Aufsicht eines Unteroffiziers der Luftwaffe stand. Zu meiner Unterstützung zogen wir für die Kanzlei Wiener Kameraden wegen ihrer guten Deutschkenntnisse heran. Für die ärztliche Betreuung holten wir aus Opole Herrn Dr. Wasservogel aus Wien und den Dentisten Zissu als Sanitäter und auch für eventuelle Zahnhilfe.

Das Gebiet, auf dem das Lager stand, war das Überflutungsgelände der Weichsel und dementsprechend feucht und sumpfig. In fünfzig Meter Entfernung stand die Baracke der Bauleitung der Luftwaffe, so dass unsere Schutzmacht leicht zu erreichen war. Schräg gegenüber das Lufttanklager.

Der erste Lagerführer war der Unteroffizier Kattengel aus Magdeburg, der bis März 1943 amtierte. Seine kleine Charge hinderte ihn nicht, sich wie ein Großmogul zu fühlen. Die Herrschaft über einige hundert Juden erzeugte bei ihm einen Machtrausch. Es bedurfte einer Menge Diplomatie, verbunden mit der Ausnutzung meiner guten Beziehungen zur Bauleitung und Kommandantur, um ihn halbwegs im Zaume halten zu können. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er, begleitet von einem riesigen schwarzen Wolfshund, in der Hand die Hundepeitsche, als kleiner Gernegroß durch das Lager ging.

Wir bekamen die Löhnung von der Bauleitung der Luftwaffe, eine auf 1700 Kalorien bemessene Verpflegung. Wir hatten eine eigene Lagerverwaltung und auch zehn jüdische Lagerpolizisten. Wir bildeten ein Gemeinwesen für uns und die Luftwaffe schickte nur unsere Bewacher und ließ uns ansonsten freien Lauf.

Die Lebensmittel fassten wir allwöchentlich und als wir sahen, dass Kattengel sich einiges davon abzweigte, gelang es mir, mit Takt und Intervention bei der Bauleitung durchzusetzen, dass wir die Lebensmittel in ein eigenes Magazin im Lager bekamen und Kattengel nur die Lebensmittelverwaltung für die Polen überlassen blieb.

Kurz vor dem Krieg gegen Russland brach im Lager Fleckfieber aus, wahrscheinlich hereingebracht von Warschauer Juden, die kurz zuvor ins Lager gekommen waren. Das Lager wurde unter Quarantäne gestellt, nur Dr. Wasservogel und ich, weil ich in der Stadt wohnte, durften ein- und ausgehen und hielten so die Verbindung zur Außenwelt aufrecht. Wir waren rechtzeitig gegen Fleckfieber geimpft worden und waren sehr vorsichtig. Trotzdem infizierte sich Dr. Wasservogel und starb daran in einem Lubliner Spital. Wir betrauerten diesen Todesfall sehr, dazu kam noch, dass der Dentist Zissu durch einen Herzschlag dahingerafft wurde. Wir blieben eine Zeitlang ohne Arzt im Lager bis schließlich, im Oktober 1942, nach der letzten Aussiedlung in Irena Dr. Kestenbaum aus Ryki, Dr. Rosenbluth aus Tarnow und der Sanitäter Frym zu uns stießen. Außerdem kam noch der Tierarzt Dr. Fries ins Lager. Wir errichteten eine Sanitätsstation und eine Art Krankenrevier, auch hatten wir stets genügend Medikamente, die wir teils von der JUS (jüdische Unterstützungsstelle) aus Krakau, teils von der Kommandantur aus Wehrmachtsbeständen zugewiesen erhielten, aber auch aus dem Einkauf in der Irenaer Apotheke. Nach all den mir nach Kriegsende bekanntgewordenen Tatsachen kann ich mit Stolz sagen, dass unser Lager bis zum 23. Juni 1944, dem Tag unserer Evakuierung nach Censtochau, vielleicht das einzige Lager für Juden war, das so gut ausgestattet dastand. Auch die Verpflegung, bis Spätherbst 1943 von der Militär-Verpflegungsstelle „Zitadelle”, und später, nach der Übernahme des Lagers durch die SS-Verwaltung Lublin, konnten wir mit Hilfe der Kommandantur, dadurch, dass wir Gemüse aus Nalenczow holten und im Lager selbst Gemüse anbauten, die verminderten Zuteilungen so aufbessern, dass unsere Lagerinsassen wie Wundermenschen aus einer anderen Welt angestarrt wurden, als sie in Czenstochau ankamen.

Ohne unbescheiden zu sein, kann ich mir einen Großteil des Erreichten zuschreiben. Mein immer wacher Geist, meine Aktivität in jeder Situation, meine Initiative beim Ausnützen einer jeden günstigen Gelegenheit waren mitbestimmend für manchen Erfolg. Besonders 1943 und 1944, den Jahren größten Chaos, einer sich immer deutlicher abzeichnenden militärischen Niederlage, einem blindwütigen furor teutonicus, mitten im mörderischen Blutrausch der SS solches berichten zu können, scheint unglaublich, doch ist es die Wahrheit. Wenn wir manchen Tag ganze Kessel absolut genießbaren Eintopf mit gutem Fleisch und Graupen, mit einwandfreiem Fett und Gemüse versteckt vergraben mussten, weil wir nicht alles aufessen konnten, während hunderttausende von Juden in den Straßen Warschaus und in den Lagern vor Hunger zugrunde gingen, dann spürten wir deutlich die seltsame Macht des Schicksals, die dem einen Überfluss und dem anderen Mangel beschert. Die im Lager ausgebrochene Fleckfieberepidemie breitete sich auch in der Stadt Irena aus. Ich zitterte um das Schicksal meiner Familie. Weil ich die Gefahr einer Ausbreitung der Seuche erkannte, sprach ich bei Zahlmeister Wolfram vor und machte ihm klar, dass auch der Horst gefährdet sei, wenn er mir nicht Betten, Strohsäcke und Impfstoffe zur Einrichtung einer Quarantänestation in Irena verschaffen könnte. Anfangs war er sehr verwundert über mein Auftreten, war es doch wohl das erste Mal, dass ein Jude die Vermessenheit hatte, von ihm, einem Deutschen, etwas zu fordern. Sonst befahlen die Deutschen uns die Herbeischaffung bestimmter Dinge, ohne danach zu fragen, woher wir sie nehmen sollten. Nach einigem Nachdenken bekam ich zu meiner Freude und Erleichterung seine Zustimmung.

Als ich Mitgliedern des Judenrats diese Nachricht überbrachte, schüttelten sie ungläubig den Kopf, hielten mich für einen Phantasten und erst als tags darauf vier Panjewagen mit Eisenbetten, Matratzen, Leinentücher, Hartfaserplatten und Medikamenten in das Judenviertel einfuhren und dem Judenrat übergeben wurden, war ich bestätigt. In einem leer stehenden Gebäude wurde eine Isolierstation eingerichtet, die als Spital bis zur endgültigen Liquidierung von Irena bestehen blieb. Den Wert des Erreichten einzuschätzen, vermögen besonders diejenigen, die die damaligen Verhältnisse kannten. Eine in einem Ghetto ausgebrochene Epidemie barg die Gefahr eines Eingreifens der deutschen Sanitätsbehörden in sich, und damit eine drohende Aussiedlung oder gar Ausrottung. Das macht die folgenden Zeilen verständlicher.

Dieses Ereignis hatte zur Folge, dass ich seitens einflussreicher Männer des Judenrats, ich erinnere mich besonders an Eckhaizer, Schulmann, Rosenfeld und Bronspiegel, wegen meiner deutschen Sprachkenntnisse und der so guten Beziehungen zu den Deutschen als Präses des Judenrates vorgeschlagen wurde. Man wollte meine guten Beziehungen zu den Deutschen und meine Sprachkenntnisse, die meisten Irenaer sprachen kein Deutsch, zum Wohle der jüdischen Bevölkerung ausnutzen.

Zu jener Zeit war dieses Angebot nicht einfach abzuweisen, denn man war in dieser Position Mittelsmann zwischen Deutschen und Juden, erhielt als erster Kenntnis von drohenden Aktionen, konnte vieles für seine Leidensgenossen durchsetzen, besonders, weil der Fremde, dem vieles undurchsichtig und unbegreiflich war, nicht wissen konnte, was wir, die wir schon Erfahrung hatten, schon durchgemacht hatten, und er daher einer drohenden Gefahr nicht begegnen konnte.

Ich hatte für eine vierköpfige Familie zu sorgen, zwei Arbeitsfähige waren nur darunter, wo man mir doch gesagt hatte, dass nur Arbeitsfähige auf Schonung rechnen konnten. Trotz der Vorteile, die mir aus diesem Posten erwachsen wären, lehnte ich dankend ab, weil mir die Zusammenarbeit mit der grünen Polizei, deutscher Gendarmerie, SS und Verwaltung doch sehr anrüchig schien. Zur Wehrmacht hatte ich doch irgendwie mehr Vertrauen.

Der Ausbruch des Krieges mit Russland hatte auch eine straffere Organisation des Lagers zur Folge. Außerhalb des Lagers waren Soldaten als Wache eingesetzt, innerhalb wurden Kontrollnummern ausgegeben und der Lagerstand wurde wöchentlich peinlich genau überprüft. Als mich aus der Kommandantur die Nachricht erreichte, dass Irena im Herbst 1942 ganz ausgesiedelt würde, löste ich meinen Haushalt im Ghetto auf und nahm meine ganze Familie mit ins Lager. Dadurch stand ich vor einem Problem, das mir viel Kopfzerbrechen bereitete. Nach der Lagerordnung konnten nur Arbeitsfähige, also keine Kinder, Aufnahme im Lager finden. Zum Glück waren am Horst, in der Landwirtschaft und bei der Kompanie weibliche Arbeitskräfte eingesetzt. Auch die große Küche und die Schneiderei beschäftigten Frauen. So hatte ich genügend Möglichkeiten, weibliche Personen unterzubringen, aber für Kinder, dazu wie Ruthi im wahrsten Sinne des Wortes Kleinkinder, bestand keinerlei Aussicht auf Aufnahme. Mit dieser Sorge ging ich wieder zu Wolfram, der sich schon einmal als rettender Engel erwiesen hatte. Leider war Hauptmann Bromofsky inzwischen zur Front abkommandiert worden und ich habe seitdem trotz eifriger Nachforschungen nichts wieder von ihm gehört. Doch das Wunder geschah. Wolfram setzte sich mit dem sehr menschlichen Oberstleutnant Hönig in Verbindung. Er erklärte ihm, dass eine Familienerhaltung nur vorteilhaft wäre für die Arbeitsfreude und Willigkeit, worauf ich die Erlaubnis bekam, alle Kinder als Arbeitshilfskräfte für die Landwirtschaft zu registrieren, ihnen Kontrollnummern zu geben und sie somit als legitime Lagerinsassen zu führen. Man kann sich mein Glücksgefühl nicht vorstellen, als ich nach meiner Rückkehr von der Kommandantur den inzwischen besorgt wartenden Eltern diese Freudensbotschaft verkünden konnte.

Es sind wohl genug Jahre vergangen, um Abstand von den Ereignissen zu haben. Wenn ich die sattsam bekannte Realität im Osten mit in Betracht ziehe, dann erscheint mir unglaublich, dass so etwas geschehen konnte. Gewiss, es spielte bei der Verwirklichung dieser so menschlichen Aktion ein Großteil rein sachlichen Kalküls mit, das Bestreben, unsere Arbeitskraft zu erhalten und eine ziemliche Gleichgültigkeit gegenüber den Dingen, die sich innerhalb des Lagers abspielten. Aber schon die Tatsache, dass die Kommandantur von allem wusste, dass sie es duldete, zeigt doch klar, dass es Vorgesetzten, und sei es nur in einem kleinen Arbeitslager, möglich war, Menschenleben zu retten. Unsere Wachsoldaten machten sich ja keine Gedanken über das Vorhandensein von Kindern, zumal sie sie ja kartoffelklaubend oder anders tätig sahen und sie daher als Arbeitskräfte einstufen konnten.

Ich erwirkte daraufhin die Errichtung einer Baracke, die nur für die Familien bestimmt war. Zwei Frauen fungierten als Kindergärtnerinnen, so dass die Eltern beruhigt zur Arbeit gehen konnten. Die Kinder wurden in Lesen und Schreiben unterrichtet, ja man lehrte sie sogar verschiedene Spiele. Das Lager wurde zu einem Gemeinwesen wie in der Freiheit. Es wurde im Lager eine „Chewra Kadischa” (Heilige Brüderschaft) zur Beerdigung von Verstorbenen eingerichtet, die Toten wurden in Totengewändern beerdigt, an Feiertagen wurden Gottesdienste abgehalten. Zu Ostern wurde Mazzoth (Osterbrot) im Lager gebacken und Orthodoxe wurden am Sabbath angeblich zu Reinigungsarbeiten im Lager zurückbehalten, um sie vor der am Sabbath untersagten Arbeit fernzuhalten. Das alles klingt unglaublich, aber es war tatsächlich so. Die Kommandantur des Lagers war an der Erhaltung unserer Arbeitskraft interessiert, ließ uns aber ansonsten in Frieden.

Bis September 1942 war der Lagerbestand 542 Juden und wuchs nach der letzten Aussiedlung in Irena auf 970 an. Bunt gemischt, schon der Nationalität nach, war das Häufchen. Polen in der Überzahl, an zweiter Stelle Slowaken, dazu Ungarn, Österreicher und Deutsche aus dem Altreich.

Bunt gemischt auch in charakterlicher und sozialer Hinsicht. Neben der sehr gering vertretenen Intelligenz gab es viele Handwerker, kleine Kaufleute, aber auch viele Ungelernte und Analphabeten im Lager. Viele waren durch ihren Egoismus und ihrem Streben nach Selbstbehauptung ohne Rücksicht auf die Gemeinschaft darauf bedacht, für sich selbst Vorteile zu erreichen. Hier eine geordnete Lagerdisziplin im Interesse der Gemeinschaft aufrecht zu erhalten war wohl das allerschwerste. Die gutwilligen Elemente in der Minderheit, die Disziplinlosen zu jeder sinnlosen Handlung fähig, dazu fast täglich das schier unlösbare Problem, eine der Bauleitung und Kommandantur genehme Ordnung zu erhalten, das erforderte die Konzentration aller Kräfte auf die Arbeit und ich wundere mich heute, wie ich es geschafft habe. Ich glaube, dass mein unbändiger Wille zum Überleben, die Sorge um meine Familie und mein unbeugsamer Optimismus in jeder noch so gefährlichen Situation die Triebkräfte des Gelingens waren.

Gefährliche, lebensgefährliche Ereignisse gab es wahrlich nicht wenig. Ich will versuchen, dem Leser einige Geschehnisse vor Augen zu führen, die die Lage veranschaulichen können. Zuvor möchte ich aber noch über die Schwierigkeiten in meiner Stellung als Lager-Kanzleiführer berichten. Viele beneideten mich. Ein Fremder sollte Anführer sein, noch dazu einer, der sich nicht „verraben” ließ, der einem landesüblichen Bakschisch unzugänglich war, ja noch dazu auf westliche Ordnung und Disziplin pochte, fast wie die Deutschen? Das war den Polen ein Novum und ich zog mir, auch unter den engsten Mitarbeitern Feindschaft zu, die auch mit allen unlauteren Mitteln versuchten, mich zu Fall zu bringen. Ich erfuhr von Anzeigen bei Kommandantur, Bauleitung und sogar bei der Gendarmerie, aber auch beim deutschen Lagerführer, beim deutschen Aufsichtspersonal der Arbeitsgruppen wurde ich angeschwärzt. Nur der ganz besonderen Wertschätzung, die ich mir durch meine überzeugende Haltung in den vier Jahren erworben hatte, ist es zuzuschreiben, dass all solche Versuche scheiterten. Ich sah viele solcher Anzeigen, sie wurden mir gezeigt, aber ich zog keine Konsequenzen, obwohl ich sicherlich die Möglichkeit gehabt hätte, mir Genugtuung zu verschaffen. Ich wusste, dass primitiv gestillter Rachedurst nur das Unwesen vergrößern musste, dass ich von der Sippe des Bestraften noch mehr Übelwollen zu erwarten hatte und damit nicht nur mich, sondern mit mir viele andere in Gefahr brachte. Hier war Vorsicht der Tapferkeit besserer Teil und der Verlauf der Ereignisse gab mir schließlich auch Recht.

Der 22. September war der Tag der letzten Aussiedlung in Irena. Am frühen Morgen sprach der SS-Führer Polizeileutnant Philippi beim Lagerführer Kattengel vor, der mich bald darauf zu sich rief. Ich wurde befragt, wie hoch der derzeitige Lagerstand sei. Ich gab die Zahl 543 an.

Daraufhin wurde mir mit besonderem Nachdruck folgender kategorischer Befehl erteilt. „Heute ist Aussiedlung in Irena, keiner darf das Lager verlassen, keiner die Arbeitsstelle am Horst. Morgen werde ich kommen und wenn ich auch nur einen Juden aus Irena im Lager finde, sorge ich dafür, dass die SS aus Lublin das ganze Lager kassiert! Der Unteroffizier und Sie tragen die ganze Verantwortung für die strikte Durchführung des Befehles.” Die Nachricht war niederschmetternd für mich. Ich wusste, dass sich noch viele Angehörige meiner Lagergenossen in Irena befanden. Eine Deportation musste Verzweiflung bringen und die mühsam aufrecht erhaltene Disziplin derart lockern, dass wir alle in Gefahr gerieten. Was sollte ich tun, noch dazu unter einem Lagerführer, der nur allzu bereitwillig erhaltene Befehle ausführte? Allein eine Entscheidung zu treffen, wagte ich der schweren Verantwortung wegen nicht. So entschloss ich mich, eine Gruppe von älteren Herren, die ich alle sehr schätze, zu Rate zu ziehen. Es waren die Leidenskameraden Eckhaiser, Bronspiegel, Schulmann, Dr. Kestenbaum und Dr. Fries. Wir fassten schließlich den Entschluss, die Irenaer Juden zu benachrichtigen und mit dem deutschen Leiter der landwirtschaftlichen Abteilung, der Geschenken zugänglich war, wegen einer Blankounterschrift auf eine Zuweisung für die Irenaer als seine Arbeitskräfte zu bekommen und so, gedeckt gegenüber Leutnant Philippi, so viel Menschen als möglich ins Lager zu nehmen. Ein gut durchdachter Plan, jedoch, ich war mit der Ausführung betraut. Meine Einwände wurden mit dem Hinweis „Gott wird helfen” zurückgewiesen. Ich machte mich also auf den Weg. Der „Ältestenrat” verständigte auf geheimem Wege die Irenaer Judenschaft und mit den einrückenden Arbeitskolonnen strömten über vierhundert Menschen ins Lager, darunter das fast achtzigjährige Ehepaar Rosenzweig und viele Kinder, die ich als Arbeitskräfte führen sollte.

Der Plan mit dem Leiter der Landwirtschaft gelang vollkommen. Ein paar neue Stiefel, ein Kilo Bohnenkaffee und zwei Flaschen Wodka waren das „Sesam öffne dich”. Aus Vorsicht, um nicht den Anschein einer Bestechung erwecken, nahm ich den legalen Bruchteil des Schwarzmarktpreises zu Richtpreis, der einen ausmachte. Bei der Bauleitung legalisierte ich die Zuweisung der Landwirtschaft und machte in Rekordzeit in der Kanzlei die Einordnung perfekt. Die Kontrollnummern wurden mit den Essensmarken verteilt, Kattengel wurde überredet und nun sahen wir dem Kommenden erwartungsvoll, aber gefasst, entgegen. Wir sahen eine göttliche Fügung darin, dass wider alle Erwartung Leutnant Philippi vergaß zu kommen und sich so unsere Furcht vor einer genaueren Überprüfung erledigte.

Im Sommer 1942 ereignete sich am Horst der Zwischenfall, dass eine Holzbaracke mit Material abbrannte. Als Ursache vermuteten wir eine weggeworfene Zigarette.

Man dachte jedoch, dass Saboteure am Werk gewesen seien und die Lubliner SS verfügte die Erschießung von neun Juden und einem Polen. Die Exekution wurde im Lager durchgeführt. Diese Episode, gekennzeichnet durch die schon erwähnte Bereitwilligkeit Kattengels zur Durchführung aller Befehle ohne den Versuch, irgendwie Abhilfe zu schaffen, erlebte ich nicht mit, weil ich an diesem Tage zwecks Fassung von Gemüse mit einem Lastwagen nach Nalenczow, einem riesigen Gut, unterwegs war.

Als ich am Abend zurück kam, schilderte man mir schreckensbleich den Ablauf der Aktion, wie die SS einfach neun Blätter aus der Lagerkartei zog, die Leute von der Arbeitsstelle holen ließ und, ohne viel Federlesen zu machen, mit Hilfe von Irenaer Gendarmen die Erschießung vollstreckte. Vielleicht hätte unter einem anderen Lagerführer, ich denke an Kattengels Nachfolger Dusy, zumindestens eine Milderung dieses Schreckens erreicht werden können.

Im krassen Gegensatz zu diesem Gewaltakt, ich muss dabei auf ein Ereignis unter Dusy im Jahre 1943 vorgreifen, steht die Bestrafung der Seifendiebe, es wurden sieben Kameraden von der Horstpolizei in flagranti beim Stehlen von Seife ertappt und verhaftet. Sie sollten ebenfalls hingerichtet werden. Den Bemühungen Dusys bei Gerichtsoffizier, Hauptmann Weiss, und meiner Intervention in der Kommandantur war es zu danken, dass nur einer der sieben, Sztainbuch, der sich dadurch, dass er die Namen der anderen verriet, die Ungnade des Gerichtsoffiziers zugezogen hatte, den letzten Gang anzutreten brauchte. Seine Erhängung wurde im Lager vollzogen, an einem Sommerabend, als gerade alle von der Arbeit einrückten. Der an den Händen gefesselte Sztainbuch stand auf der Plattform eines Lastautos, links und rechts flankiert von Horstpolizisten.

Rücklings wurde er an den inzwischen im Lager errichteten Galgen herangefahren. Man legte die Schlinge um seinen Hals und fuhr mit dem Auto davon. Die versammelten Lagerinsassen blickten scheu zu Boden und hörten das furchtbare Krachen des strangulierten Genicks. Schon nach wenigen Minuten konstatierte man den Tod des Erhängten. Zur Abschreckung musste der Tote die ganze Nacht über im Lager hängen und nie werde ich das erschütternde Bild vergessen, wie der unglückliche Vater des Opfers die ganze Nacht für das Heil des Toten betend beim Galgen verbrachte.

Einige Stücke Seife nur, dazu noch Kriegsqualität, RIF-Seife, der der Ruch anhaftete, aus dem Fett der Vergasten erzeugt zu sein, kaum zwanzig Reichspfennige wert, genügten, um Mord zu befehlen und auszuführen. Welch Sadismus lag in dem Zwang, untätig zusehen zu müssen, welch menschenunwürdiges Verhalten in dem Zwang, eine Leiche hängen zu lassen, eine ganze mondhelle Nacht lang, die von uns allen schlaflos verbracht wurde.

Noch zwei Tötungen unter Kattengel muss ich erwähnen.

Der Gendarmeriemeister Petersen erschien im Lager, ließ sich Kattengel kommen, der ihm sogleich den ungehinderten Eingang zum Lager ermöglichte, obwohl die Anordnung der Bauleitung strikt lautete, dass das Betreten des Judenlagers lagerfremden Personen nur mit Zustimmung der Bauleitung erlaubt sei. Ich konnte nicht wagen, Petersen den Eintritt zu verwehren, obwohl ich ahnte, dass er nur Unannehmlichkeiten verursachen würde. Petersen fragte nach dem jungen Puterflam. Als ich fragte, worum es denn ginge, erklärte er mir, dass er einer Anzeige des Poliers Rudolph von der Berliner Baufirma Schulz nachginge, in der behauptet wurde, dass Puterflam schon des Öfteren den Arbeitsplatz grundlos verlassen habe und auch heute nicht erschienen sei. „Ich will mir den Burschen mal ansehen”, erklärte er. Da es schon gegen Arbeitsschluss war und die ersten Gruppen durch das Tor einmarschierten, blieb mir nichts anderes übrig, als Puterflam mit Krankheit zu entschuldigen. Puterflam war wirklich ein überaus schmächtiges Kerlchen von achtzehn Jahren, dem man ohne weiteres glauben konnte, dass er der schweren Arbeit beim Gleisbau nicht gewachsen war. Leider lag der Arbeitseinsatz bei der Firma Schulz nicht in unseren Händen, sondern unterstand dem Arbeitsamt Irena. Die Firma Schulz hatte nur das Recht, eine Gruppe Zwangsarbeiter, die im firmeneigenen Lager nicht untergebracht werden konnten, bei uns einzuquartieren. Das geschah vertraglich, weil die Firma auch Straßenbauten für den Horst durchführte. Ich konnte nichts für Puterflam tun und musste ohnmächtig dem Kommenden entgegensehen. Im Auftrage Petersens befahl Kattengel Appell. Alle Lagerinsassen mussten antreten und angesichts der gesamten Mannschaft brüllte Petersen Puterflam an: „Warum betreibst du Sabotage, du Judensau, du weißt, wie kriegswichtig die Fertigstellung der Gleise ist, du weißt, dass jeder Arbeiter gebraucht wird!” Puterflam wagte den leisen Einwand, dass er krank sei, worauf Petersen mit einem wuchtigen Schlag mit Kattengels Hundepeitsche reagierte. Schreiend vor Schmerz stürzte Puterflam auf eine hinter ihm stehende Bank und unbarmherzig fielen hageldicht die Schläge auf den Körper des Opfers, das sich hilflos unter Schmerzen krümmte. Puterflam taumelte zu Boden. Blitzschnell hatte sein Peiniger die Pistole gezogen und schoss den auf dem Bauche Liegenden in den Hinterkopf. Ein kurzes Zucken, dann streckte sich der Körper.

Nun kam es zu jener widerlichen Szene, an die ich nur mit größtem Abscheu denken kann. Petersen trat mit dem Schaftstiefel auf den Hals des Toten, dass sich der so schmerzverzerrte Mund öffnete und die blutige Zunge zum Vorschein kam.

Daraufhin entrang sich der Brust des Mannes ein Seufzer der Erleichterung und mit einem tiefen Ausatmen beschloss er seine Untat, die Zeugnis ablegte von der ganzen Pervertiertheit dieses „Übermenschen”. Zweifellos hatte Petersen genügend Intelligenz, um begreifen zu können, dass seine Tat grausam, unmenschlich und sadistisch war. Sie war nicht mit roher Brutalität, gedankenloser Grausamkeit zu beschönigen. Eher kann man von einer künstlich verursachten Pervertiertheit sprechen, hervorgerufen durch den immer wieder nachdrücklich propagierten Hass auf alle Menschen, die nicht den Vorzug hatten, zur Edelrasse zu gehören.

Der zweite Fall stand auch wieder in Verbindung mit den Schulz-Arbeitern. Kattengel erhielt vom Polier Rudolph (oder gar vom Bauleiter Gailhorn?) den Auftrag, zwei namentlich bezeichnete Arbeiter im Lager festzuhalten. In Ermangelung eines Arrestraumes kam er auf die Idee, am Stacheldraht des Lagerzaunes ein drei Quadratmeter großes Viereck mit Stacheldraht umgeben und dort die Gefangenen zu unterzubringen. Sie verbrachten eine Nacht in dem Geviert und am anderen Tag erschien Rudolph mit dem Gendarm Edek. Sie ließen sich von Kattengel die Häftlinge übergeben. Hinter dem Lager, die Baracke des Unteroffiziers nahm uns die Sicht, hörten wir das kurze Knallen von zwei Schüssen. Als wir ans Lagertor kamen, befahl man uns, die Toten zu begraben. Diese Schandtat bestärkte mich in dem Willen, eine Ablösung Kattengels zu erreichen. Doch das war leichter gedacht als ausgeführt. Ihn offen schlecht zu machen war nicht nur für mich, sondern auch für das Lager gefährlich. Kattengel hatte nämlich zu allem Unglück noch intime Beziehungen zu einem jungen jüdischen Mädchen angeknüpft, das Mutter und zwei Brüder im Lager hatte und das sich nicht scheute, Nutzen aus der Verbindung zu ziehen. Es erreichte Arbeitserleichterungen für sich, aber auch für Lagerinsassen, die für ihre Intervention zahlten, kurz, es begann eine ausgedehnte Korruption höchst unangenehmer Art, weil sie im Lager bekannt war und für alle gefährlich werden konnte. Dazu kam noch, dass andere junge Mädchen voller Neid versuchten, dasselbe zu erreichen. Es gehörte viel Takt, viel Diplomatie und Beherrschung dazu, solch skandalöse Geschehnisse zu verhindern. Schließlich war deutschen Soldaten jeder Kontakt mit Judenmädchen verboten und die Folgen eines solchen Intermezzos konnten für das ganze Lager verhängnisvoll sein. So musste ich oft des nachts Wache schieben, um die Anbändelungsversuche und Liebesidylle stören zu können. Es ist verständlich, dass ich deshalb bei Kattengel wenig Sympathie fand und dass er nur zu gern den Einflüsterungen mir nicht wohlgesinnter Lagerinsassen sein Ohr schenkte und mir viele Schwierigkeiten machte. Wenn man bedenkt, auf welchem Pulverfass wir saßen, so ist es mir noch heute unerklärlich, wie alles verborgen bleiben konnte. Das Bekanntwerden nur eines dieser Vorkommnisse hätte für die SS Lublin, der wir ja eigentlich unterstanden, genügt, um uns zu liquidieren. Durch noch ein anderes Ereignis saßen wir auf einem unausgebrochenen Vulkan. Wer weiß, wie unbarmherzig der Kampf gegen die polnischen Partisanen von der SS geführt wurde, der wird meinen Schreck begreifen, als in den furchtbaren Winternächten des Jahres 1943 zehn jüdische Partisanen Eintritt und Versteck forderten.

Wir hatten im Lager Männer, Frauen und Kinder im Alter von vier bis fünfundsiebzig Jahren. Die Verantwortung für das Blutbad zu übernehmen, das bei Bekanntwerden der Anwesenheit von Partisanen im Lager unweigerlich die Folge war, schien mir untragbar. So entschloss ich mich, zuvor den bewährten „Ältestenrat” zu konsultieren. Die Besprechung fand unter vielen Vorsichtsmaßregeln in den späten Abendstunden statt, als die meisten schon schliefen. Wir entschlossen uns, die Partisanen ins Lager zu nehmen, denn wir hatten die Wahl zwischen der Rache der SS und der Rache der Partisanen. Unsere Sympathien lagen verständlicherweise auf Seiten der Partisanen, dennoch war die Entscheidung ein großes Wagnis.

Doch die Aufnahme der Partisanen hatte keine schlimmen Folgen, im Gegenteil. Aus einem abgeschmierten, in Brand geratenen Flugzeug retteten zwei auf dem Rollfeld arbeitende Partisanen den Piloten, einem Ritterkreuzträger, und seinem Copiloten, das Leben. Sie zogen die bereits Bewusstlosen aus der Kanzel. Das war natürlich am Flugfeld eine große Sensation und unser Lager stieg in der Achtung aller militärischen Dienststellen. Als nach einigen Monaten die zwei Geretteten hoch zu Ross im Lager auftauchten, sich für die Tat bedankten, die Retter belobigten und versprachen, sich für das Lager einzusetzen, wußten wir, dass sich unsere Entscheidung gelohnt hatte.

Als im März 1943 Kattengel durch Stabsfeldwebel Dusy abgelöst wurde, atmete ich und mit mir andere verantwortungsbewusste Kameraden auf. Wohl hatte ich die Information erhalten, dass Dusy ein schon länger dienender Unteroffizier sei, also Berufsmilitär, so dass wir befürchten mussten, einen rechten Kommißknopf zu bekommen. Am Anfang sah es auch so aus, aber schon nach kurzer Zeit konnte ich feststellen, dass er zugänglich war und zu überreden. Vor allem freute ich mich darüber, dass er der nationalsozialistischen Phraseologie vom Untermenschentum der Juden nicht anhing. Er erzählte mir oft von seinen guten Erfahrungen im Umgang mit Juden in seiner Königsberger Heimat. Für mich, ich hatte mich nie als Unterdrückter, Gefangener gefühlt, sondern verstand mein Selbstbewusstsein und meine Würde zu behaupten, war das eine große Erleichterung. Mit der Zeit wurden wir näher bekannt und er legte seine anfängliche Reserviertheit ab. Dusy hatte die gute Eigenart, strikt darauf zu achten, dass gemäß dem Kommandanturbefehl ein Betreten des Lagers durch Lagerfremde nur mit einer Genehmigung geschehen konnte und er verlieh dem auch Nachdruck, zum Beispiel bei Versuchen der SS, ins Lager zu kommen. Auch Besuche der Gendarmerie wurden unter Dusy viel seltener, obwohl sie als örtlicher Vertreter der SS das Recht dazu hatten.

Etwas mehr als ein Jahr dauerte Dusys Herrschaft über das Lager. In diesem Zeitraum hatten wir genug Gelegenheit, ihn näher kennenzulernen. Seine Einstellung zu uns war eher positiv als negativ. Ich gehe von dem Standpunkt aus, dass kein Mensch hundertprozentig gut ist. Nur die Dominanz verschiedener Charakterzüge ermöglicht, einen Menschen entweder als gut oder schlecht zu bezeichnen. Wenn ich gerecht sein will, so muss ich doch sagen, dass sich Dusy viel Mühe gegeben hat, uns das Leben nicht zu schwer zu machen. Nach allen bösen Erfahrungen, die wir mit den Deutschen machen konnten, ist er zu den erfreulichen Ausnahmen zu rechnen. Sein Fehler war, dass er im Suff etwas unberechenbar war und außerdem immer mit seiner Schießkunst und Treffsicherheit prahlte, auf bezeichnete Ziele schoss und uns damit natürlich ängstigte, denn wir waren ja alle eingeschüchterte Menschen, die üble Erfahrungen mit der Schießwut der Deutschen gemacht hatten.

In einer Sommernacht des Jahres 1943 wurde ich gegen zwei Uhr früh von einem Kanzleibeamten geweckt. Der Lagerführer Dusy hatte alle Kanzleibeschäftigten aufgeweckt und in der Kanzlei versammelt. Dann flüsterte er mir ins Ohr: „Dusy ist betrunken, er hat einen Revolver in der Hand und fuchtelt damit herum. Wir alle haben Angst, dass es ein Unglück gibt, denn er droht unaufhörlich, dass er dich erschießen will.“ Meine Frau, die alles mitangehört hatte, bat mich, nicht hinzugehen. Am Anfang zögerte ich auch, doch dann besann ich mich, denn ich wusste, wenn es jemanden gab, der Dusy beruhigen konnte, dann war ich es, denn er wusste, dass ich bei der Kommandantur gut angeschrieben war. Auch wollte ich verhindern, dass einer meiner Kameraden in Gefahr geriet, falls ich der Aufforderung zu kommen, nicht Folge leistete. Das hätte vielleicht einen Zornesausbruch Dusys verursacht und etwas Unrevidierbares wäre geschehen.

Mit freundlichem Gesicht, wie es im Inneren aussah, kann man sich vorstellen, betrat ich die Kanzlei und fragte: „Aber, Herr Stabsfeldwebel, warum schlafen Sie nicht?” Er antwortete mit schwerer Zunge: „Wenkart, das Lachen wird Ihnen gleich vergehen. Sie haben mich angelogen, Sie sind doch ein Rabbinersohn, Ihre Ruth ist gar nicht Ihr Kind. Sie bereichern sich im Lager!”

In der hochgestreckten Hand eine Pistole, ging er schwankend auf mich zu. „So, jetzt erschieße ich dich!” Eine sehr makabre Szene, mir war ganz mulmig zumute, aber ich ließ mir nichts anmerken, sondern schob mit der linken Hand, als wäre es ganz natürlich, die Pistole in die Höhe, damit niemand gefährdet war, und sagte ganz ruhig: „Aber Herr Stabsfeldwebel, machen Sie doch keine solchen Scherze, die Leute hier kriegen ja Angst!” Man sah deutlich, wie verdutzt Dusy über meine unerschrockene Haltung war. Auf die Bemerkung, „Wenn Sie ausgeschlafen sind, können wir weiter über dieses Thema sprechen”, replizierte er: „Aber erst trinkst du noch einen mit mir.” Ich ging mit ihm aus der Kanzlei, begleitete ihn in seinen Wohnraum außerhalb des Lagers, trank noch ein oder zwei Schnäpse mit ihm, wobei er fragte: „Nicht wahr, Wenkart, du hast doch nicht geglaubt, dass ich dir etwas tue?” Kurz darauf schlief er ein.

Am Morgen kam Dusy in die Lagerküche und begrüßte ganz aufgeräumt meine Frau, die die Küchenleitung hatte und sagte zu ihr: „Frau Wenkart, ich bewundere Ihren Mann, der hat heute Nacht bewiesen, dass er ein ganzer Kerl ist. Ich habe alle Hochachtung vor seinem Mut und seiner Geistesgegenwart. Schade, dass er ein Jude ist.”

Ehrlich gesagt hätte ich mir bei einem anderen als Dusy solche Tat nicht zugetraut. Ihn kannte ich aus täglichem Umgang, hatte erlebt, wie er in der Zitadelle um zusätzliche Lebensmittel, besonders für die Kinder, intervenierte und wie oft er bei Hauptmann Eidenz, dem Gerichtsoffizier, den er gut kannte, unseretwillen vorsprach und manches Unglück abwehrte.

Eines Sommertags erschien Oberfeldwebel Klein vom nahen Lufttanklager, die Gerüchte besagten, er sei ein Verwandter Hermann Görings, im Lager. Ihn begleiteten zwölf vollkommen kriegsmäßig ausgerüstete Soldaten mit Maschinenpistolen, Handgranaten und Stahlhelm. Dusy war gerade dienstlich auf dem Flugplatz und ich wurde zum Tor gerufen.

Nach meiner Meldung schrie mich Klein an: „Heraus mit dem Radio, sonst knallt’s!” Der Besitz eines Radios oder Funkapparates bedeutete den Tod für jeden Juden. Meiner Antwort, wir hätten keinen Radioapparat im Lager, schenkte er keinen Glauben. Er befahl sofortiges Antreten aller im Lager anwesenden Personen auf dem Lagerplatz, ließ acht Soldaten zur Bewachung zurück und durchsuchte mit den übrigen die Baracken. Die Durchsuchung verlief ergebnislos. Klein trat auf mich zu und stellte mir ein zehnminütiges Ultimatum. Wenn bis dahin das Radio nicht herausgegeben würde, ließe er die Soldaten auf die angetretenen Lagerinsassen schießen. Es waren überwiegend Frauen und Kinder, weil die Männer auf dem Flugplatz arbeiteten. Was die angetretenen Menschen bewegte, als sie das hörten, war Furcht und Schrecken. Man hörte so manches Stoßgebet. Plötzlich, wie Sphärenklänge, tönte Gesang aus dem unweit gelegenen Russenlager. Ich rief aus: „Herr Feldwebel, da haben Sie Ihr Radio!” Klein drehte sich abrupt um, gab den Befehl zum Abmarsch und sagte nur noch: „Diesmal habt Ihr Glück gehabt!” Als Dusy am Abend zurückkam und von dem Vorfall hörte, machte er der Kommandantur Meldung. Klein wurde abgelöst und zur Front abkommandiert und wir waren von einem Feind befreit.

Noch ein Ereignis verursachte einigen Schrecken. Es war im Spätherbst 1943. Kurz vor dem Mittagessen gab es plötzlich einen furchtbaren Knall. Unweit des Lagers ging in einem vorbeifahrenden Güterzug ein Munitionswagen in die Luft. Es dürften Schrapnells gewesen sein, denn die Luft war voll von Geschoßtrümmern. Die nach den Gleisen gelegenen Fensterscheiben zerbarsten infolge des ungeheuren Drucks. Metallteile übersäten das vordere Lager. Ich war gerade auf dem Weg zu Dusy, als mich der Explosionsdruck zu Boden warf. Sekunden blieb ich liegen, sprang dann auf und stürzte zuerst in die Lagerküche, von wo ich Schreie gehört hatte. Die zerbrochenen Fensterscheiben hatten geringfügige Verletzungen verursacht, aber das in den Kochkesseln bereits fertige Mittagessen war voller Glassplitter und so völlig ungenießbar. Froh war ich darüber, dass meine in der Küche beschäftigte Frau unverletzt geblieben war. Der herbeieilende Lagerarzt nahm sich der Verletzten an. Kurz darauf erschien auch Lagerführer Dusy und erkundigte sich nach den Folgen der Explosion. Wir umrundeten das Lager, konstatierten die Schäden und wollten die Unglücksstelle besichtigen und die Ursache feststellen. Kurz bevor wir zur Straße kamen, kam uns der Kommandant des Lufttanklagers entgegen. Es war Major Bauhofer, ein Wiener.

Als er seine Stelle antrat, hatte ich ihm einen Besuch gemacht, um vielleicht die guten Beziehungen seines Vorgängers zum Lager fortzusetzen und zu verbessern. Leider musste ich bei diesem Besuch die Feststellung machen, dass Major Bauhofer ein ganz radikaler Anhänger des Naziregimes war, der meinen formellen Besuch als „jüdische Frechheit” titulierte und sich meinen Hinweis auf unsere gemeinsame Wiener Heimat energisch verbat. Ich bin auch überzeugt, dass er das Vorgehen seines Untergebenen Klein, wenn nicht initiiert, so doch gebilligt hatte, denn ohne seine Zustimmung hätte Klein sicherlich nicht das Lufttanklager mit zwölf bis an die Zähne bewaffneten Soldaten verlassen können. Im Jahre 1946 schilderte ich in der Wiener Zeitung „Der neue Weg” den Radiovorfall und ein Staatsanwalt hat gegen Bauhofer, der sich in Wien aufhielt, ermittelt. Aber Bauhofer hat sich schleunigst nach dem Westen abgesetzt und dann die Verjährung abgewartet.

Ich bekam Angst, als Bauhofer uns entgegentrat und beiläufig erwähnte: „Das haben bestimmt die Juden aus dem Lager gemacht. Man muss die SS verständigen und zum Exempel fünfzig Juden umlegen.”

Dusy erwiderte jedoch geistesgegenwärtig: „Herr Major, ich garantiere, dass es kein Jude war, denn fast alle sind bei der Arbeit und aus dem Lager kann es niemand gewesen sein, da kann niemand raus, da passe ich auf.” Damit nahm er die Verantwortung auf sich und Bauhofer den Wind aus den Segeln. Denn das wusste jeder auf dem Flugplatz: Dusy unterstand direkt dem Horstkommandanten und hatte trotz seines niedrigen Mannschaftsgrades große Machtbefugnisse.

Das merkten wir auch, als vier junge Mädchen, die in der Landwirtschaft arbeiteten, mit einem Traktor verunglückten. Eines war sofort tot, eines wurde schwer, zwei wurden leicht verletzt. Die Schwerverletzte erlitt einen doppelten Beckenbruch und schwebte in Lebensgefahr. Krankenhausbehandlung und Operation waren unbedingt erforderlich. Die Transportunfähige auswärts behandeln zu lassen war ein Ding der Unmöglichkeit. Gemeinsam mit Dusy gelang es mir, die Verletzte mit Genehmigung der Kommandantur im Militärlazarett unterzubringen, wo die Operation mit Erfolg durchgeführt wurde. Das Mädchen, eine Jüdin aus Presov, lebt heute noch.

Entscheidend war auch das Eingreifen Dusys bei der Errettung unseres Kameraden Eli Feigenbaum, der auf dem Flugplatz von einer Polizeistreife angehalten wurde. Man fand bei der Leibesvisitation Dollars bei ihm. Der Besitz von Geld, insbesonders der von Devisen, wurde unnachsichtig mit dem Tode bestraft. Als wir im Lager hörten, dass Feigenbaum bei der Gendarmerie in Irena gelandet war, gab keiner mehr einen Pfifferling für sein Leben. Drei Tage war man im Lager sicher, dass er erschossen worden war. Wie froh waren wir alle, als er dank der Hilfe Dusys wieder gesund im Lager auftauchte. Feigenbaum lebt heute in guten Verhältnissen in Tel Aviv.

Dieses Ereignis hatte aber zur Folge, dass seitens der Horstpolizei eine Lagerdurchsuchung, angeblich nach Waffen, tatsächlich aber nach Devisen und Gold durchgeführt wurde. Diese Razzia verursachte mir einiges Magendrücken, denn ich ahnte, dass man manches finden würde, das Unannehmlichkeiten verursachen konnte. Aber bis auf Kleinigkeiten wurde nur bei Dr. Kestenbaum, dem Lagerarzt, ein größerer Geldbetrag gefunden. Kestenbaum wurde dafür von einem Hauptmann der Luftwaffe misshandelt. Energisch griff Dusy ein und erklärte, das Geld sei ein Rest der Löhnung, die nach Abzug des Verpflegungsgeldes den Lagerinsassen zustände und er wüsste davon. Das Geld sei für den Kauf notwendiger Medikamente bestimmt und diese dienten der Erhaltung der Arbeitskraft. Nach dieser Erklärung wurde Kestenbaum das Geld zurückgegeben.

Nur in einem einzigen Fall hatten wir Dusy im Verdacht, an etwas Unrechtem beteiligt zu sein. Genau beweisen konnten wir es nicht, daher mussten wir seiner Darstellung Glauben schenken. Wir waren jedoch der Meinung, dass Dusy den Tod Veiths hätte verhindern können.

Im Spätherbst war es, als wir einen Horstpolizisten mit Veith beim Lagerführer eintreten sahen. Neugierig geworden warteten wir am Lagertor auf das Kommende. Nach etwa zwanzig Minuten trat Veith aus der Baracke, ging zwei, drei Schritte. Da knallte aus dem Inneren der Baracke ein Schuss und tödlich getroffen sank Veith zu Boden. Wer den verhängnisvollen Schuss abgegeben hatte, konnten wir nicht sehen. Der Treffsicherheit nach schlossen wir je doch auf Dusy, besonders auch deshalb, weil er anordnete, dass Veith, bei dem man Dollars gefunden hatte, zur Abschreckung vierundzwanzig Stunden vor dem Lagertor liegenbleiben musste, eine Tafel mit seinem Vergehen um den Hals. Tief erschüttert über diese geringe Bewertung eines Menschenlebens leisteten wir der Anordnung Folge.

So war Dusy. Trotzdem bedauerten wir es alle, als er im Februar 1944, zunächst für einen achttägigen Urlaub, von Unteroffizier Braun abgelöst wurde. Bald darauf wurde Braun Lagerführer.

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