Teil 1Der Bericht (1963)

Heimkehr

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Wir blieben noch einige Tage in Czenstochau und ernährten uns von den Vorräten des Lagers, die von einem inzwischen gebildeten Komitee ziemlich geregelt verteilt wurden. Die Untätigkeit, das Grollen der Stalinorgeln und die Angst, wir könnten wieder in die Hände der Deutschen fallen, bewog mich, das Lager zu verlassen. Mein Ziel war Krakau, im schon befreiten polnischen Hinterland. Die Odyssee des acht Tage dauernden Marsches, hundertachtundzwanzig Kilometer weit, den ich gemeinsam mit meiner Frau unternahm, kann ich in seiner ganzen Vielfalt, den Strapazen und Gefahren nicht beschreiben und will mich daher auf die hervorstechendsten Episoden beschränken.

Es dürfte der 23. Jänner gewesen sein, als ich mich, beladen mit drei Broten und zwei Kilo Seife aus dem Werksmagazin, auf den Weg machte. Wegen des herrschenden Frostes, es waren ungefähr zwanzig Grad minus, blieb meine Schwiegermutter mit dem Kind im Lager. Ich wollte in Krakau durch die JUS (Jüdische Unterstützungsstelle), von der ich seinerzeit für das Debliner Lager Medikamente erhalten hatte und die ich noch existent wähnte, eine Wohnung beschaffen, in der wir das Ende des Krieges abwarten konnten. Uns fehlte gute Oberbekleidung. Statt eines Mantels trug ich einen schweren Schal und eine Decke, meine Frau ein leichtes Mäntelchen und darüber ebenfalls eine Lagerdecke, die aus einem Gemisch aus Baumwolle und Papierfasern bestand und dementsprechend wärmte. Der heftige Wind peitschte uns kalt ins Gesicht und der Atem erstarrte, kaum dass er den Mund verlassen hatte, zu winzigen Eiskristallen. Dennoch war unsere Stimmung nicht trübe. Wir wussten, dass wir mit jedem Schritt, mit jedem Kilometer dem Ort unserer Gefangenschaft entrinnen. Weil ich der polnischen Sprache nicht mächtig war und Deutsch zu sprechen nicht ratsam war, hatte ich mir einige Sätze in russischer Sprache eingeprägt, um den immer wieder auftauchenden russischen Patrouillen Rede und Antwort stehen zu können. Ich erklärte stets, dass ich jüdischer KZ-Häftling sei, um ungeschoren zu bleiben. Wenn Lastwagen mit russischen Soldaten hielten, wagte ich nicht, um die Erlaubnis zur Mitfahrt nachzufragen, einmal meiner Frau wegen, die nur Deutsch sprach, außerdem, weil ich spürte, dass ich durch meine Zugehörigkeit zum Judentum nicht sonderlich willkommen war. Jedes Mal, wenn ich einer Kontrolle das russische Wort für Jude, „Jiwree” sagte, verfinsterten sich sichtbar die zunächst freundlichen Gesichter. Das ließ mich zurückhaltend sein und allen Begegnungen ausweichen.

Nach etwa zwanzig Kilometern Fußmarsch kamen wir am Abend des ersten Tages in ein kleines Dorf, wo ich mich zum Wuijt, dem Dorfältesten, begab und um Zuweisung eines Nachtquartiers bat. Er schickte uns zu einer Witwe mit einer jungen Tochter, die mir und meiner Frau ein gemeinsames Bett in der Küche anbot. Der überaus freundliche Empfang ließ uns bald die Strapazen des Tages vergessen. Wir bekamen gleich zur Begrüßung heißen Tee angeboten und erhielten duftendes Schweineschmalz. Nachdem wir uns warm gewaschen hatten, schliefen wir das erste Mal seit fast vier Jahren wieder in einem weichen Bett. Ausgeruht erwachten wir am nächsten Morgen, erhielten warme Milch und revanchierten uns für die Gastfreundschaft mit zwei Stück Seife, die ihnen fehlte.

Beim herzlichen Abschied, beide Frauen sprachen Deutsch, warnte man uns vor der AK, der polnischen nationalen Untergrundarmee, die ebenso blutrünstig Juden tötete wie die SS. Die Berechtigung dieser Warnung erfuhr ich später. Eine ganze Anzahl meiner Debliner Leidenskameraden fiel nach der Befreiung dieser Mörderbande zum Opfer. Wir wichen daher den auf unserem Wege liegenden Industriestädten aus und gingen stattdessen die Landstraße nach Bedzin entlang. Die AK, so sagte man uns, meide die Landstraßen, weil sie die Straßenpatrouillen der Roten Armee fürchteten. Als es dunkelte, nach einem bitterkalten Tag, wir hatten nur trockenes Brot im Magen, sahen wir am Straßenrand ein einzelnes Gehöft liegen. Trotz eines laut bellenden riesigen Hundes wagte ich mich mutig zur Haustür und trug dem Bauern meine Bitte um Nachtquartier vor. Nach einigen Fragen des Woher und Wohin ließ er uns ein und richtete uns im Vorraum des Hauses ein Strohlager her. Wir sahen auch die Frau des Hauses, die, wie ihr Mann, ziemlich unwirsch und gar nicht freundlich war. Wir merkten, dass wir nicht willkommen waren und dass nur die grimmige Kälte sie davon abhielt, uns die Tür zu weisen. Wir sanken erschöpft ins Stroh und deckten uns mit den Kotzen zu. Bald fielen wir in einen unruhigen Schlaf, aus dem ich gegen Mitternacht durch verschiedene Geräusche geweckt wurde.

Als ich die Augen öffnete, wurde ich starr vor Schreck. Der Bauer betrat mit einem langen Messer in der Hand den Vorraum, gefolgt von seiner Frau, die einen Eimer mit kochendem Wasser trug. Mit einem unsanften Stoß weckte ich meine Frau, in der sicheren Meinung, man wolle uns ermorden. Ich umwand rasch meine Hand mit der Decke, um einen Angriff abzuwehren und war entschlossen, unser Leben so teuer als möglich zu verkaufen. Meine Kampfentschlossenheit machte einem befreienden Aufatmen Platz, als der Bauer mir erklärte, ich könne ruhig weiterschlafen, er müsse in den Stall, weil eine Kuh kalbe. Ich folgte ihm in den Stall und überzeugte mich, ging aber bald wieder, denn der Entbindung der Kuh wollte ich nicht Zusehen. Am Morgen erhielten wir Milch und aus einer fahrenden Feldbäckerei der Roten Armee zwei Ziegel frisches Brot und Wurstkonserven. Nach einem anstrengenden Marsch kamen wir in das Städtchen Bedzin, wo wir schon befreite Juden trafen, die uns sehr gastfreundlich aufnahmen. Es gab schmackhaften Eintopf mit viel Fleisch und Nudeln, Tee und einen ausgiebigen Schwatz über vergangene Zeiten. Die Familie unseres Gastgebers hatte drei lange Jahre in einer Erdhöhle versteckt im Wald verbracht und wurde, allerdings gegen schwere Bezahlung in Gold, von hilfsbereiten Polen verpflegt.

Ihr Leben in einem versteckten, abgedeckten Waldgraben war so voller Gefahren, dass uns unser Leben im Lager noch erträglich vorkam im Vergleich zu ihren Entbehrungen. Tagelang ohne Sonnenlicht alle auf engsten Raum zusammengedrängt, in dem Gestank ihrer Notdurft, keine richtige Möglichkeit sich zu reinigen, und das jahrelang...

Drei Tage blieben wir in Bedzin, man ließ uns nicht eher weg, als bis der schneidend kalte Wind etwas nachgelassen hatte. Dabei bewohnte die vierköpfige Familie selbst nur ein Zimmer und einen Laden, primitiv eingerichtet. Obwohl sie selbst nur sehr wenig besaßen, nahmen sie uns bereitwillig auf, verpflegten uns und gaben uns noch Reiseproviant mit auf den Weg. Ein Musterbeispiel von Uneigennutz, besonders, wenn man daran denkt, dass diese Leute abgeschlossen von aller Welt, fern jeder Zivilisation jahrelang im Wald nur dem habgierigen Egoismus ihrer Helfer ausgeliefert waren.

Gestärkt und ausgeruht machten wir uns auf den Weg. Der strenge Frost hatte etwas nachgelassen und die Wintersonne strahlte von einem klaren Himmel. An diesem Tag legten wir mehr als dreißig Kilometer zurück. Die Kälte und die Sorge um unsere in Czenstochau verbliebenen Angehörigen, aber auch der Wille, dem unsicheren Kampfgebiet zu entrinnen, trieb uns vorwärts.

Gegen Abend erreichten wir einen Vorort Krakaus. Am Ortseingang eine russische Kontrolle. Ich wurde von meiner Frau getrennt und einem Offizier vorgeführt, der mich zwei Stunden lang verhörte. Man durchsuchte mich und mein Gepäck mit aller Gründlichkeit und stellte mir auf Deutsch die unmöglichsten Fragen. Zum Schluss gab der Offizier einen Befehl, den ich nicht verstand, worauf ich in einem kleinen, fensterlosen Raum untergebracht wurde, wo ich die ganze Nacht allein zubringen musste. In diesem Gefängnis gingen mir die schrecklichsten Gedanken durch den Kopf, von einer Deportation ins russische Hinterland bis zur Erschießung. Ich vermutete eine Falle hinter dem Verhör in deutscher Sprache und nur meine oftmals hervorgehobene sozialdemokratische Vergangenheit ließ mich hoffen. Der überaus intelligente russische Offizier hatte mir nämlich viele Fragen, den Marxismus betreffend, gestellt, seinem undurchdringlichen Gesichtsausdruck konnte ich jedoch über die Wirkung der sachkundigen Antworten nichts entnehmen. Aber auch meine Unwissenheit in Bezug auf militärische Fragen wie Ausrüstungsstand, Moral und Zustand der deutschen Armee konnte sicherlich nicht schädlich für mich sein. Am anderen Morgen brachte man mir Tee, Brot und Marmelade und bald darauf wurde ich in einen großen Gemeinschaftsraum gebracht, wo sich auch meine Frau befand. Wir umarmten uns mit Tränen in den Augen und verließen, versehen mit einer auf Russisch abgefassten Propuska, die Kommandantur. Meine Frau hatte völlig unbelästigt mit fast dreißig Personen beiderlei Geschlechts die Nacht in dem Gemeinschaftsraum verbracht, konnte sich aber wegen ihrer Sprachunkenntnis mit niemandem verständigen und war in großer Sorge um mein Schicksal gewesen.

Der glückliche Verlauf dieses Intermezzos beflügelte unsere Schritte und gegen ein Uhr nachmittags war der zehn Kilometer weite Weg ins Stadtinnere zurückgelegt. Wir standen vor dem Haus der JUS. Draußen gab es keinerlei Hinweise auf das Büro, was mich sehr verwunderte, denn ich hatte an eine große Organisation gedacht, weil die Jüdische Unterstützungsstelle laut Briefkopf unter dem Protektorat des Internationalen Roten Kreuzes in Genf stand und Medikamente, Ovomaltine, Vigantol, Trockenmilch und Verbandstoffe an Juden in SS-Lagern verteilte.

Im Hof entdeckte ich ein Magazin mit winzigem Büroraum, offenbar ausgeraubt, denn nur leere Kisten und Emballagen waren zurückgeblieben. Das ließ meinen ganzen Optimismus auf den Nullpunkt sinken und ich machte mir schwere Vorwürfe, meine Frau und mich solchen Strapazen ausgesetzt zu haben einer Chimäre wegen. Die Enttäuschung war riesengroß und zu jeder weiteren Entscheidung unfähig, bat ich, da es schon dunkel wurde, den mich durch das Magazin begleitenden Hauswart um die Erlaubnis, die Nacht im Büro verbringen zu dürfen, um dann am nächsten Tag mein Glück beim Sozialamt der Stadt zu versuchen, auf das er mich verwiesen hatte.

Von ihm erhielten wir etwas heißen Tee und wir würgten Leberwurst und trockenes Brot als kärgliches Abendbrot in ziemlich gedrückter Stimmung herunter. In dem schmutzigen, ungeheizten Raum, mit den Kotzen und dem reichlich vorhandenen Packpapier zugedeckt, verbrachten wir, ab und zu eindämmernd, die Nacht und waren froh, als es endlich tagte.

Uns wurde auch tatsächlich vom dortigen Hilfskomitee eine von den Deutschen geräumte, gut möblierte Wohnung zugewiesen, die schon von Leidensgenossen bewohnt wurde. Wir erhielten ein Zimmer für uns allein, sowie Geld, Medikamente für meine Frau und auch reichlich Lebensmittel, so dass wir die nächsten Tage recht sorglos verbringen konnten. Leider machte die fortschreitende Erkrankung meiner Frau die Einweisung in ein Krankenhaus notwendig. Wir mussten dazu nach Kattowitz, denn nur da arbeiteten die Krankenhäuser. Auf dem Trittbrett einer überfüllten Straßenbahn hängend fuhren wir dorthin. Wo ich auch vorsprach und um Hilfe für meine stark fiebernde Frau bat, wurde ich abgelehnt. Schon ganz verzweifelt sprach ich einen zufällig des Weges daherkommenden katholischen Geistlichen an, den ich an seiner Soutane erkannte, und bat ihn um Rat. Meine Schilderung schien ihn erschüttert zu haben, denn er gab mir Tipps, die mir zunächst unglaubhaft vorkamen, sich aber später als sehr nützlich erwiesen. Für meine Frau sollte ich zur russischen Wache in Bogucice, einer Vorstadt, gehen und, begleitet von Soldaten, das von Nonnen geleitete Spital aufsuchen, und die Aufnahme meiner Frau erzwingen, da sie sonst vermutlich abgewiesen würde. Mir gab er den Rat, ein christliches Elternteil vorzuschützen und mich im Caritaslager anzumelden. Dort hätte ich die Möglichkeit, mit einem bißerl Mitarbeit sorglos das Ende des Krieges abzuwarten. Ich habe diesem Mann, der mir wie ein rettender Engel vorkam, viel zu verdanken, denn alles, was er vorgeschlagen hatte, gelang. Ein furchterweckend aussehender Russe mit umgehängter Maschinenpistole ging mit mir ins Krankenhaus und der Aufnahmearzt wagte nicht zu widersprechen. Nachdem man bei meiner Frau eine Temperatur von 40,1 Grad festgestellt hatte, wurde sie nach einem Bad in ein Krankenzimmer gebracht. Erschütternd war die Szene beim Treppenaufgang, als meine Frau verzweifelt rief: „Das ist mein Ende. Hier komme ich nicht mehr lebend heraus!” Meine Trostworte fanden keinen Glauben, sondern wurden verworfen. Ich selbst hatte auch wenig Hoffnung, denn der Arzt sagte mir, dass nur gute Ernährung und eine weniger kohlenstaubhaltige Luft als die in Kattowitz ihr helfen könnte. Froh darüber, dass meine Frau nun sicher in einem Krankenbett untergebracht war, ging ich zur Caritas, wo ich eine saubere Unterkunft in einer Notbaracke sowie ausreichende Verpflegung erhielt. Durch meine Hilfsbereitschaft machte ich die amtierenden Nonnen auf mich aufmerksam. Sie ließen sich mein Schicksal berichten und bald darauf machten sie mir das Angebot, gegen halbwegs gute Bezahlung als Küchenbursche zu arbeiten. Ich nahm das Angebot sofort an, denn arbeiten wollte ich, schon um meine Sorgen zu betäuben, schließlich dachte ich nicht nur voll Angst an meine Frau, sondern auch an die in Czenstochau verbliebene Schwiegermutter und das Kind, denn die mir nur spärlich zufließenden Nachrichten waren nicht dazu angetan, mich sorglos zu stimmen. Da ich selbst in Kattowitz festgehalten wurde, beauftragte ich einen Polen, sich nach den beiden zu erkundigen. Die Nachricht, die er brachte, war niederschmetternd. Bei dem Brand einer Baracke, der anscheinend durch Überheizung entstanden war, erlitt meine Schwiegermutter einen Herzschlag und wurde auf dem Czenstochauer Friedhof beerdigt. Die verwaiste Ruthi wurde von einer Debliner Kameradin mit nach Lodz genommen. Es gelang mir später, ihre Adresse in Erfahrung zu bringen und ich holte Ruthi von Lodz zu mir nach Kattowitz.

Der Spitalsaufenthalt meiner Frau dauerte vier Wochen, doch die Zeit verlief ziemlich rasch und ich konnte durch Vitamine den Heilungsprozess beschleunigen. Als Überraschung konnte ich bei ihrer Entlassung mit einem Privatquartier bei einem Volksdeutschen aufwarten, das mir die liebenswerten Nonnen besorgt hatten. Es war nur ein kleiner möblierter Raum, einfenstrig, aber uns erschien er wie ein Märchenpalast. Ausgestattet war er mit einem kleinen Eisenofen, den wir mit Kohle aus dem Revier heizten. So verbreitete sich anheimelnde Wärme und wir fühlten uns sehr wohl. Dazu kam noch, dass wir nach vieler Mühsal mit Ruthi vereint sein konnten. Der einzige Wermutstropfen war, dass meine Frau ab und zu schwere Asthmaanfälle erlitt, die wir jedoch mit Asthmolsin-Injektionen lindern konnten; mit der Injektionsspritze umzugehen hatte ich bald gelernt.

Um den ersten Mai 1945 entnahmen wir den polnischen Zeitungen, dass die Rote Armee weiter vorrückte und dass Wien schon frei war. Unsere Sehnsucht, nach Hause zu fahren, war riesengroß geworden, besonders nachdem wir einige Tage vorher in einem Kino einen alten Wiener Film gesehen hatten. Der Anblick von Ringstraße, Parlament und Rathaus erschütterte uns derart, dass Bäche von Tränen über unsere Wangen rollten. Da entschlossen wir uns, trotz des fast sorgenlosen Lebens und der zu erwartenden Gefahren, alles hinter uns zu lassen und das Wagnis auf uns zu nehmen. Kein geringes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass überall Unsicherheit herrschte.

Man war der Unbill durch streunende und marodierende Besatzungssoldaten ausgeliefert, die inzwischen gebildete polnische Miliz war durch ihre Zusammensetzung auch nicht gerade ein Garant der Sicherheit. Die Sehnsucht nach Wien überwand alle Bedenken und am Morgen des 1. Mai gingen wir zum Bahnhof Kattowitz, um eine Abfahrtsmöglichkeit zu erkunden. Über den kurzen Weg der Strecke Oderberg-Prerau-Lundenbürg zu fahren, war leider nicht möglich, da im Kohlenrevier von Ostrau deutsche Truppen kämpften und die Strecke unterbrochen war, auch wollte ich das Kampfgebiet meiden. So blieb uns nur der große Umweg durch die freie Slowakei über Krosno-Debrezin-Budapest-Preßburg.

Ein Kohlenlastzug, der im Bahnhof stand, wurde von uns trotz Verbotes bestiegen und wir fuhren ohne Anfechtungen bis zum späten Abend. In dem Wartesaal einer kleinen Station übernachteten wir und bestiegen am Morgen einen anderen Güterzug. Während dieser Fahrt war allerhand los. Ein ungarischer Soldat, Mitkämpfer der deutschen Armee, wurde erkannt und von russischen Soldaten ohne viel Federlesens abgeknallt und einfach aus dem Zug geworfen. Wir sahen erschüttert zu und dachten an die Geringschätzung eines Menschenlebens in dieser Zeit. Auch der Soldat hatte ja ein Anrecht auf eine Gerichtsverhandlung.

Wir selbst wurden bei dieser Gelegenheit vom Zug gewiesen, bestiegen aber schon den nächsten sich bietenden. So kamen wir nach Krosno an der polnisch-slowakischen Grenze. Dort fanden wir schon ein jüdisches Komitee, durch das wir Geld und Unterkunft bei einem jüdischen Ehepaar zugewiesen bekamen. Auch trafen wir einen Mithäftling aus Czenstochau, der sich unser freundlich annahm. Meine Frau erkrankte wieder schwer, schwere Asthmaanfälle, hervorgerufen durch eine starke Erkältung, ließen eine Weiterreise nicht zu. Der konsultierte Arzt untersagte es und sehr oft musste ich des nachts ihre Atemnot durch eine Injektion lindern. Es war eine schwere Zeit, die jedoch durch die Hilfe guter Menschen überwunden wurde.

Kaum wiederhergestellt bat meine Frau selbst, möglichst bald die Heimreise anzutreten. Das Glück war uns hold. Ein Rotkreuz-Zug mit kranken KZ-Insassen stand im Bahnhof zur Abfahrt nach Debrezin bereit. Ohne viel zu zögern, raffte ich unsere wenigen Habseligkeiten zusammen und im letzten Augenblick bestiegen wir den Transport, ich musste sogar auf den schon fahrenden Zug springen. In Homonna, der ersten Station, gab es einen Tagesaufenthalt, den ich dazu ausnützte, es meiner Familie in dem Waggon bequem zu machen, denn wir mussten ja noch drei Tage darin verbringen.

Die Passagiere dieses Transportes waren gut versorgt. Ausgebildete Krankenschwestern und Pfleger betreuten vorbildlich die Schwerkranken und Gebrechlichen. Wir Gesunden halfen natürlich mit, wo man uns brauchte. Ruthi war besonders glücklich, weil sie das erste Mal die ihr unbekannte Schokolade erhielt. Das Reiseziel Debrezin wurde erreicht. In Budapest wurden wir aus dem Zug gewiesen, der wieder zurückfuhr, um neue Transporte zu holen. Wir wurden in einem Transitlager untergebracht, in einem zur Großen Synagoge gehörigen Haus. Es war so überfüllt, dass wir auf den Gängen schlafen mussten. Schon am zweiten Tag unseres Aufenthaltes erfuhren wir, dass meine Schwägerin Rosa in der Kiralyutca wohnte. Wir suchten sie auf und fanden dort die acht Tage bis zur Abreise Unterkunft. Es verkehrten zu dieser Zeit meist nur Militärzüge, in denen eine Mitfahrt für Zivilisten unmöglich war. Wir mussten nolens volens auf einem Güterzug unser Glück versuchen. Von Rosa waren wir mit Kleidern und Wäsche ausgestattet worden, die wir in einem Koffer mit uns führten, weil es nicht ratsam war, sie anzuziehen. Gut gekleidete Menschen wurden oft von räuberischen Elementen einfach ausgezogen. So bestiegen wir einen Güterzug, der in Richtung Preßburg fahren sollte.

Spät des nachts in Steinamanger, wir fuhren ein gemächliches Tempo, sprangen plötzlich zwei uniformierte Russen mit Revolvern in den Händen auf das Trittbrett des Hüttelwagens, in den wir uns zurückgezogen hatten und ihr lautes „Daway” ließ uns bald merken, dass sie auf Raub aus waren. Meine Frau erschrak und bat mich, den Banditen den Koffer auszuhändigen, um Gefahr für unser Leben abzuwenden. Schweren Herzens trennte ich mich davon. Auf die anfangs verlangten Stiefel und „Ura” verzichteten sie, als sie sahen, wie wertlos meine Stiefel waren und sie sich davon überzeugt hatten, dass ich keine Uhr bei mir hatte. Schwer genug hatte sich unsere Verwandte von den Kleidungsstücken getrennt, nachdem wir buchstäblich mit nichts angekommen waren und nun mussten wir sie auf solche Art verlieren. Bezeichnend für die Einschätzung einer solchen Tat war die Antwort des Bahnkommandanten, eines russischen Offiziers, bei dem ich Anzeige erstattete. „Vojna, Bandity, Vlassow.” Auf Deutsch: „Krieg, Banditen, Wlassows.”

Kein Wort des Bedauerns, nur der Hinweis auf Wlassow-Soldaten, die nie in dieser Gegend waren. Am Mittag erreichten wir endlich das Städtchen Bratislawa. Unser erster Weg führte uns zur jüdischen Gemeinde, die uns, Spiel des Zufalls, in einer leer stehenden Synagoge unterbrachte. Unsere erste Station bei der Ankunft in Opole war das Quartier im Tempel, und nun als voraussichtlich letzte Station unserer Reise wiederum ein Gotteshaus. Wie wunderbar sind doch die Wege Gottes!

Nach einem Tag Rast überquerten wir über eine Pontonbrücke die Donau und betraten endlich österreichischen Boden. Mit einem russischen Lastwagen kamen wir bis zur Urania im ersten Wiener Gemeindebezirk. Die Odyssee unserer Heimkehr war beendet und trotz der Zerstörungen in Wien durch die Kriegsereignisse war es uns leicht ums Herz.

Ein Lebenskapitel lag hinter uns, das mit Blut und Tränen geschrieben war.

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