Teil 1Der Bericht (1963)

Zusammenbruch

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Die Rückgabe unserer Kinder ließ uns vergessen, dass man uns schon am ersten Tag unseres mitgebrachten Gepäcks beraubte, dass man Leibesvisitationen nach versteckten Wertsachen vornahm und dass man uns sogar die Oberkleider wegnahm und uns, nur mit Rock und Hose bekleidet, in die Baracken einwies. Hier starrte alles vor Schmutz und war nur notdürftig eingerichtet. Nur das Krankenrevier, das unter der Leitung eines guten Arztes aus Bialystock stand, entsprach den Zuständen in Deblin. Die Verpflegung war nicht annähernd so gut, wir erhielten nicht einmal 700 Kalorien und wenn nicht in der Stadt Czenstochau arbeitende Bäcker täglich Brot ins Lager geschmuggelt hätten, wären viele hungers gestorben. Zwei meiner Wiener Kameraden, mein Stellvertreter Großmann und der Fourageur Pollak waren den Strapazen nicht gewachsen. Sie erkrankten und starben in Czenstochau. Die Lagerinsassen arbeiteten in der Munitionsfabrik, teils an den Maschinen, teils beim Lastentransport. Insgesamt arbeiteten zweitausend Menschen dort, streng bewacht vom ukrainischen Werkschutz, russischen Überläufern, die Gegner des Bolschewismus und nicht gerade judenfreundlich waren. Ihr Kommandant war Bartenschlager, assistiert von Keutsch, der es sich nicht nehmen ließ, den starken Mann zu mimen, mit der Peitsche durch das Lager zu stolzieren und sie bei dem geringsten Anlaß auf den Rücken eines Juden niedersausen zu lassen. Unsere Kinder versteckten sich unauffindbar, wenn sie nur vom Kommen dieses Sadisten hörten.

In zahlreichen Gesprächen mit den alten Lagerinsassen, die zumeist aus Krakau stammten, fanden unsere Schilderungen über die Zustände in Deblin keinen Glauben. Wenn sie nicht unser verhältnismäßig gesundes Aussehen, unsere Bekleidung und unser Gepäck mit eigenen Augen gesehen hätten, was auf neutrales Ausland und nicht auf Zwangsarbeitslager im Osten schließen ließ, wir hätten es ihnen nie glaubhaft machen können.

Es war deprimierend anzusehen, wenn am frühen Morgen die Arbeitskolonnen antraten, in zerschlissenen Kleidern, von Maschinenöl geschwärzt, ausgemergelt die Gesichter, vom Hunger gezeichnet, und dann in die Fabriksräume einmarschierten, die auch nicht gerade anlockend aussahen. Wir bezeichneten diese Unglücklichen mit dem Namen „Mongol”. Die Arbeitszeit war von 7 Uhr früh bis Mittag und von 13 bis 18 Uhr, also zehn Stunden täglich, was bei der unzureichenden Ernährung eine lange Zeit war. Die Ausnahme bildete der Sonnabend, an dem bis Mittag gearbeitet wurde und am Nachmittag im Lager und in der Fabrik Reinigungsarbeiten verrichtet werden mussten. Dasselbe geschah auch am Sonntagvormittag. Die einzigen Stunden für uns selbst hatten wir am Sonntagnachmittag. Da wurden Gespräche geführt, der Körper einer gründlicheren Reinigung unterzogen und die Hauptbeschäftigung, es wurden Pläne geschmiedet. Was sollte sein, wenn wir frei waren. Jeder baute sich ein Luftschloss, plante ein herrliches Leben und alle versuchten, durch diese Illusionen, die grausame Wirklichkeit für einige Stunden zu vergessen. Gerade, weil wir nicht wussten, ob wir den nächsten Tag noch erlebten, gerade, weil alles so hoffnungslos war, darum planten wir, kühn und selbstsicher, um nicht das letzte bisschen Selbstbehauptung zu verlieren.

Die schwere Arbeit laugte uns so aus, dass wir nach der dürftigen Abendverpflegung auf unser primitives Lager fielen und dumpf vor uns hindösten. Zu schlafen gelang den wenigsten. Zu ungewiss war der kommende Morgen, zu schlecht die gegenwärtige Lage und voller Rätsel die Zukunft.

Das immer wiederkehrende Thema von Gesprächen war der Vergleich von Czenstochau und Deblin. Der Unterschied war sehr groß! Unterstanden doch beide Lager nicht der gefürchteten SS, sondern Deblin der Wehrmacht und Czenstochau dem Werkschutz, der wiederum der zivilen Fabriksleitung unterstellt war.

Trotzdem spürten wir einen krassen Unterschied. Meiner Ansicht nach war dafür der Werkschutzleiter Bartenschlager verantwortlich, wie auch der jüdische Lagerälteste Jolles, der allzu dienstbeflissen alle Anordnungen ausführte. Aber auch dem Fabriksdirektor und seinen zivilen Werkmeistern muss ich viel Schuld aufladen. In Deblin waren bei der Bauleitung viele Beschäftigte, die immer bemüht waren, die unglückliche Lage der Juden zu verbessern und erträglich zu gestalten. Ich erinnere mich der Namen Thiele, Gall und Leistikov, an den Bauleiter Figura und viele Abteilungsleiter, die uns so gut behandelten, wie wir es in Czenstochau nie erlebten. Bartenschlager hatte durch Jolles das in den KZ’s übliche Kaposystem eingeführt. Diese waren verantwortlich für den geordneten Ablauf des Lebens im Lager. Zu ihrer Ehrenrettung kann ich aber feststellen, dass mir während der ganzen Zeit keine Klagen zu Ohren gekommen sind.

Ich selbst war dem Bad zugeteilt worden, das zugleich einen großen Desinfektionskessel enthielt. Meine Aufgabe war es, die verschmutzte Wäsche der Fabriksarbeiter in den heißen Kessel zu hängen und nach erfolgter Desinfektion der Wäscherei zu übergeben, die neben dem Bad errichtet war. Ich erhielt die gereinigte und ausgebesserte Wäsche zurück, um sie gegen verschmutzte auszutauschen. Diese Umtauschmöglichkeit war möglich, weil die Wäsche unseres Transportes beschlagnahmt worden war und dem Depot zugeführt wurde. Der Bade-Kapo musste ein sehr strenges Regiment führen, weil zwischen den Czenstochauern, deren Wäsche schon sehr zerschlissen war, und den Deblinern, die bessere Wäsche mitgebracht hatten, immer großer Streit um die besseren Stücke ausbrach. Dieser immer wieder aufflammende Hader, wie auch jede andere geringfügige Ursache genügte, um lautstarke Auseinandersetzungen entstehen zu lassen. Die Streitenden zu beschwichtigen, bedurfte es großer Autorität, die Kapo Weiß auch, ohne rüde zu sein, repräsentierte. Das Eintauchen und Herausnehmen der Kleidungsstücke an dem Kessel mit kochender Desinfektionslösung, eingehüllt in die heißen, stickigen Dämpfe, forderte mir viel Schweiß ab.

So kam es, dass ich in den knapp sechs Monaten meiner Tätigkeit fast zwanzig Kilogramm Gewicht verlor. Dass es nicht mehr war, hatte ich nur der kameradschaftlichen Haltung meiner Gattin zu verdanken. Sie war in der Küche des Werkschutzes als Kartoffelschälerin und Putzfrau beschäftigt und bekam als Anerkennung für ihren gewiss nicht leichten Dienst einen Liter Eintopf. Dieses Essen, das Fleisch, Graupen oder Kartoffel und viel Speck enthielt, brachte sie meiner Schwiegermutter, Ruthi und mir als Aufbesserung unserer schmalen Lagerkost. Wir stürzten uns stets gierig auf den Inhalt der Schüssel und zu spät bemerkten wir, dass meine Frau auf diese Mahlzeit verzichtete und uns sagte, sie habe schon gegessen. Zum Schluss magerte sie so sichtbar ab, dass ich energisch protestierte. Sie jedoch gab mir zur Antwort: „Zuerst muss ich dich erhalten. Du musst am Leben bleiben. Ein Leben ohne dich ist uninteressant für mich.” Erschüttert hörte ich dieses Bekenntnis.

Es war ein schweres Jahr und es kam der 15. Januar 1945. Wir im Lager wussten mehr oder weniger Bescheid über die Frontlage, denn es hatte sich unter der Führung unseres Lagerarztes, der Funk-Verbindung mit den Partisanen hatte, eine Widerstandsgruppe gebildet.

Es hieß, dass der Abtransport des Lagers ins Innere Deutschlands unmittelbar bevorstünde und tatsächlich wurde der erste Transport am 15. Jänner abgefertigt. Er wurde nach Buchenwald gebracht und forderte viele Opfer.

Bald nach der Abreise des ersten Teils der Fabriksbelegschaft bemerkten wir unter unseren zivilen Meistern Unruhe und Unsicherheit. Es war offensichtlich, dass alle mehr an sich als an die Arbeit dachten. Auch der Werkschutz hatte viel von seiner sonst bei jeder Gelegenheit offenbarten Forschheit eingebüßt, ja bei Keutsch konnten wir sogar das Fehlen der sonst stets bereitgehaltenen Peitsche feststellen. Von geregelter Arbeit in der Fabrik konnte keine Rede mehr sein. Die Produktion war ganz eingestellt und man beschäftigte die Mongolen mit der Demontage der Maschinen, während wir, insbesonders die Widerstandsgruppe, das geheimnisvolle Treiben der Meister aufmerksam verfolgten. Mit Recht befürchteten wir, dass das Werk mit den ja ausreichend vorhandenen Sprengstoffen beim Näherkommen der Front mit uns in die Luft gesprengt würde.

In der Lagerkanzlei wurden eifrig Transportlisten geschrieben und der Abtransport vorbereitet. Zu meinem Glück war meine Frau als beim Werkschutz Beschäftigte wie ich zum letzten Transport eingeteilt. Große Aufregung und tiefe Sorge entstand, als am 16. Jänner ukrainische Waffen-SS im Lager auftauchte. Wir befürchteten alle das Schlimmste, die Liquidierung. Die Nerven aller waren aufs äußerste angespannt.

Von der Widerstandsgruppe kam die Parole, bei den geringsten Anzeichen einer Vorbereitung der Exekution unser Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, es stünden Waffen bereit.

Wie uns innerlich bei dem Gedanken an unsere Frauen und Kinder zumute war, kann man nur mit den Gefühlen eines zum Tode Verurteilten vergleichen, der auf seine Hinrichtung wartet. Wir sahen zum tiefverhangenen Himmel auf und es schien wie die Erhörung unseres Gebetes, als plötzlich Fliegeralarm gegeben wurde und russische Flugzeuge am Himmel auftauchten. Wir wurden in die Baracken beordert, während sich die Deutschen in den Luftschutzräumen verkrochen. Das Krachen der einschlagenden Bomben störte uns nicht im Inneren der Baracken, wo eine allgemeine Diskussion darüber entbrannte, wie es nun weitergehen sollte.

Fest stand der Entschluss, jeden Abtransport so in die Länge zu ziehen, dass man ihn bis zur Ankunft der Russen hinauszögern konnte. Auch wollten wir uns bei Gefahr in die Baracken zurückziehen, um der Gefahr einer Erschießung auf dem Lagergelände zu entgehen. Ein sehr unsicherer Plan, aber am nächsten Tag sollte er sich ausgezeichnet bewähren.

Das Bombardement dauerte den ganzen Tag und als am späten Abend die Entwarnung kam, war es zur Zusammenstellung des zweiten Transportes zu spät geworden. Wir bekamen das am Mittag nicht ausgeteilte Essen und wurden aufgefordert, all unsere Habe einzupacken und zum Abtransport bereit zu sein. Im Kreise meiner Familie verbrachte ich die endlos scheinende Nacht, schlafen konnte niemand, so erschöpft wir auch waren. Endlich graute der Morgen. Ich verließ die Baracke um die Latrine aufzusuchen und gleichzeitig zu erkunden, was draußen vorging. Mein erster Blick galt dem Biwak der gestern eingetroffenen Waffen-SS. Als ich nichts sah, dachte ich natürlich, dass man sich irgendwo bereitgestellt hatte, um uns in Empfang zu nehmen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass das, was wir als Bombardement aus der Luft angesehen hatten, bereits das Donnern der Geschütze war, die von der Nähe der Front zeugten.

Im Lager wurde es lebendig. Feiner Sprühregen fiel. Keutsch, ohne Peitsche, ging in alle fünf Baracken des Lagers und sagte: „Alle haben sich barackenweise aufgestellt zum Abtransport zu formieren. Am Bahnhof stehen Waggons bereit. Gearbeitet wird nicht mehr in Czenstochau.”

Über das Ziel unserer Fahrt befragt, sagte er, er glaube, es sei Gleiwitz, aber er wisse es nicht genau.

Schon, dass er die Frage zuließ und sogar zur Antwort bereit war, ließ uns einen Wandel der Zeiten bemerken. Wer von uns hätte es früher gewagt, an Keutsch eine Frage zu stellen? Ein Peitschenhieb wäre unweigerlich die Antwort gewesen.

Gegen neun Uhr morgens wurde die erste Baracke aufgerufen. Jeder Name wurde verlesen und die immer wieder verzögerte Antwort des jeweils betreffenden Mannes nahm ziemlich viel Zeit in Anspruch. Als man so ziemlich damit fertig zu sein glaubte und die zweite Baracke aufzurufen begann, zogen sich die Insassen der Baracke I ziehharmonikaartig ins Barackeninnere zurück. Dasselbe geschah, als man mit der dritten Baracke begann. Zu den anderen beiden Listen kam man gar nicht mehr. Trotz Geschreis und Wutausbrüchen Keutschs und seines dienstwilligen Lagerältesten wiederholte sich immer wieder das Spiel. Hatte man die Insassen einer Baracke nach draußen gerufen, die Namensnennung beendet, so zogen sich alle ins Innere zurück, sobald mit der nächsten begonnen wurde. Wir gehorchten scheinbar, aber Keutsch wurde fast wahnsinnig. So verging der kurze Wintertag und kaum dass es dunkelte, gab es wiederum Fliegeralarm. Der Ruf „alle in die Baracken” war Musik in unseren Ohren. Mit meiner Familie machte ich Zukunftspläne. Für den Fall, dass Frauen und Männer getrennt abtransportiert würden, fühlte ich mich verpflichtet, mit einem befreundeten Ehepaar aus Presov abzumachen, dass Frau Wahrmann, eine junge, resolute Frau, sich meiner Familie annehmen sollte, denn ich wollte meiner Frau die Belastung mit der 75 Jahre alten Mutter und der sechs Jahre zählenden Ruthi etwas leichter machen. Ich verpflichtete mich, den weniger agilen Herrn Wahrmann unter meine Fittiche zu nehmen.

Es fielen Bomben neben unser Werksgelände und schlugen in eine nahegelegene Papierfabrik ein. Wir sahen die Flammengarben hell aufleuchten und hörten Explosionen. Angsterfüllt stürzten wir ins Freie, denn ein Übergreifen des Feuers auf unsere Holzbaracken schien durchaus nicht unmöglich. Auch das Werk selbst, in dem angeblich Sprengstoff in unbekannter Menge lagerte, schien gefährdet. Wir hatten nur zu gut die Äußerung Keutschs im Ohr. Danach war alles zur Sprengung des Werks vorbereitet, damit es nicht in die Hände der Russen fiel. Das sollte uns den Ausmarsch schmackhaft machen. Nach der Befreiung erfuhren wir auch, dass am Eingangstor Maschinengewehre bereitgestanden hatten, um bei dem kleinsten Zwischenfall uns alle niederzumähen.

Neben unserer Baracke floss die Warthe und ich ließ meine Familie am Flusssand ins Wasser steigen, um der Feuersbrunst zu entgehen. Ich selbst begab mich zum Fabriktor um zu erkunden, was dort vorging. Es war Nacht, der Himmel gespenstisch rot vom Feuerschein und das ununterbrochene Krachen der Explosionen zerrte an den Nerven. Welch ein erlösendes Gefühl, als wir alle einen Lautsprecherruf hörten: „Alle Deutschen schnellstens zum Tor!” Da ahnten wir, dass nun endlich eine Erlösung von Angst, Schrecken und Todesgefahr gekommen sei. Die Befreiung schien nahe. Bestärkt wurde unsere Hoffnung, als wir unsere Kameraden mit Stahlhelm und Maschinenpistolen sahen, an ihrer Spitze stand der Lagerarzt mit einem Revolver in der Hand. Sie trieben Männer des ukrainischen Werkschutzes vor sich her. Aus aller Munde kam der Schrei: „Wir sind frei!” und mit Tränen in den Augen umarmten sich die Menschen, ohne danach zu sehen, ob man sich kannte oder nicht. Kameraden stürmten die vollen Magazine und verteilten Brot und Konserven an die ausgehungerten Leidensgefährten.

Am 17. Januar marschierten Panzertruppen der Roten Armee in das Werk ein. Wir erfuhren, dass durch ein Umgehungsmanöver die Deutschen im Rücken überraschend angegriffen worden waren und so zum ersten Mal ein Judenlager ungeräumt befreit werden konnte.

Das Hochgefühl nach der Befreiung von der barbarischen Unterdrückung zu schildern, ist nicht möglich.

Meine Zeilen, so hoffe ich, haben den Beweis erbracht, dass jeder Deutsche, wenn er nur wollte, selbst in den prekärsten Situationen menschlich gegenüber den Verfolgten und Unterdrückten handeln konnte, ohne in Gefahr zu laufen. Vielen mag mein Schicksal als Ausnahme erscheinen, aber ich bin der Meinung, dass es nur noch deutlicher zeigt, in welches Lügengespinst jene Nazigrößen das Publikum eingewickelt haben. Nur die allzu große Bereitwilligkeit, an den Verbrechen mitzutun, nur eine charakterlose Gleichgültigkeit und fehlender Wille zur Menschlichkeit hat dieses jeder Kultur hohnsprechende Inferno ermöglicht. Nur das Verhalten der Lauen, die Mitarbeit der Willigen und Lässigen, auch aus anderen Nationen, hat zu jenem Vakuum an Menschlichkeit geführt, über das wir noch heute nicht ganz hinweggekommen sind.

Keine Beschönigung, kein Dementieren, kein „Bewältigen” kann darüber hinwegtäuschen. Nur eine klare Distanzierung von den Tätern, sei es von jenen, die mit eigener Hand zugegriffen haben, oder von denen, die vom Schreibtisch aus die geistigen Voraussetzungen für alle Gräuel schufen und allen, die die Befehle gaben, kann diese unselige Vergangenheit vergessen machen. Sie wird noch so lange lebendig bleiben, wie sich Verbrecher jener Zeit in Freiheit befinden und sich ungestraft bis in hohe Ämter emporarbeiten können. Erst das Aussterben dieser unseligen Generation wird diese Frage endgültig beschließen. Meine Beispiele dürften klargemacht haben, dass es so etwas wie Befehlsnotstand nicht gab für führende Nazis. Sei es der Offizier oder Soldat in einem Lager, jeder konnte auf seine Weise Schlimmes verhindern. Wer Blut an seinen Händen hat, lud sich bereitwillig Menschenleben aufs Gewissen. Er wusste genau, dass das Hinmorden von Frauen, Kindern und Greisen, von unschuldigen Menschen, nicht recht war, dass die Verfolgung von Juden, Zigeunern und anderen zu Feinden des Regimes erklärten Menschen ein Verbrechen war. Jeder halbwegs verantwortungsvolle Deutsche muss die aller Ethik und allem Gesetz hohnsprechenden Anordnungen als unrecht erkannt haben, auch wenn sie von der Obrigkeit gedeckt wurden, und er musste spüren, dass er mitverantwortlich war. Vielleicht simpliziere ich einen überaus komplizierten Vorgang, allein, es soll nur verdeutlicht werden, dass alle Schrecken nicht als unwiederbringliches Schicksal auf den Mittäter wirkten.

Für die Fälle meines Horizontes jedoch scheint jeder Mittäter Milde verwirkt zu haben und müsste die ganze Schwere des Gesetzes tragen. Dass die wenigsten wussten, was sie taten, dürfte auch eine Nachkriegserfindung sein. In Umrissen war fast allen klar, worum es ging. Der Eichmann-Prozess hat klar erwiesen, dass die „Endlösung” schon vor der Wannseekonferenz in Hetzblättern wie „Das schwarze Korps” propagiert, weiten Kreisen bekannt war.

Zumindest die Ausführenden der Aktion, Augenzeugen und durch diese wiederum ein noch weiterer Kreis, wussten von der Vernichtung von Millionen Unschuldiger, dem Raub an Unzähligen und der Gesetzlosigkeit dieser Taten. Ich stehe dem Dogma der Kollektivschuld fern, ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es viele Deutsche gegeben hat, die alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um das traurige Los der Verfolgten und Gefangenen zu lindern, kann aber vielen den Vorwurf der Mittäterschaft nicht ersparen. Auch scheint es mir dringend notwendig, dass sich alle anständigen Menschen von den Schuldigen dieser grauenvollen Zeit klar distanzieren, damit nicht eine schleichende Anerkennung dieser Verbrechen eine Wiederholung möglich macht. Als Beispiel dafür, dass es so etwas wie Befehlsnotstand nicht gab, möchte ich die Behandlung unserer Kinder in Czenstochau anführen. Bartenschlager hatte sicherlich von der SS den Befehl erhalten, alle Kinder aus seinem Arbeitslager fernzuhalten und sie der SS zur Ermordung zu übergeben. Dieser Befehl existierte unter Androhung von schwerwiegenden Folgen bei Nichterfüllung. So hatte Bartenschlager auch die fünfzehn Kinder des ersten Transports ohne viel Federlesens verschickt und bis heute ist deren Schicksal ungeklärt, angeblich wurden sie am jüdischen Friedhof getötet. Beim zweiten Transport, der sechsunddreißig Kinder mit ins Lager brachte, rüttelte die Schwangerschaft seiner Frau und mein festes Auftreten sein Gewissen wach und Bartenschlager folgte der Anordnung nicht. Trotzdem entstanden ihm daraus keinerlei Nachteile. Die sechsunddreißig Kinder leben so noch heute, leben in aller Welt verstreut, haben selbst Kinder. Sie verdanken ihr Dasein dem Umstand, dass ein sonst eifriger Befehlsempfänger so viel Zivilcourage aufbrachte, einen Befehl nicht auszuführen. Die so oft zur Verteidigung angeführte Furcht vor den Folgen einer Befehlsverweigerung scheint auch nicht ganz den Tatsachen zu entsprechen. Offenbar war es in den meisten Fällen möglich, Befehle zu umgehen, wenn man nur wollte.

Mein Tatsachenbericht soll ein belegter Beweis der Unhaltbarkeit des arg strapazierten Begriffs Befehlsnotstand sein. Befehlsnotstand setzt einen Angstzustand voraus. Angst vor Degradierung, Angst vor Versetzung an die Front. Aber wie steht es mit den Häftlingen, die wie ich Befehle der Lagerleitung auszuführen hatten? Hier liegt der wirkliche Befehlsnotstand vor! Hier bestand doch die Furcht um das, von den Machthabern sehr geringgeachtete Leben, war man doch selbst völlig hilflos der Willkür aller Bewacher ausgesetzt. Mir als Lagerfunktionär, als Häftling, war es möglich, wie ich wohl deutlich machen konnte, in den verschiedensten Situationen Unheil abzuwenden und souverän nach meinem Gewissen zu handeln. Mag sein, dass es eine Frage des Selbstbewusstseins ist, eines muss jedoch auffallen: Wenn es dem Häftling, der nur sein nacktes Leben riskierte, möglich war, Befehle der vorgesetzten Dienststelle (ich verweise auf die Umsiedlungsaktion in Irena) zu ignorieren, wie viel bessere Möglichkeiten hatte ein deutscher Offizier! Wer in jener Zeit vor seinem Gewissen geradestehen wollte, hatte genügend Gelegenheit, das durch Taten zu belegen. „Innere Emigration”, „geistiger Widerstand” sind nur leere Phrasen, die ein Gewissensvakuum und Verantwortungslosigkeit vor sich selbst rechtfertigen sollen. In jener finsteren Zeit gab es weniger einen Befehls- als einen Menschlichkeitsnotstand!

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