Teil 1 — Der Bericht (1963)
Braun und Rademacher
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Braun hatte eine süffisante Art, immer Fragen zu stellen, auf unser Wohlergehen hinzuweisen und besonders das Vorhandensein von Eierschalen und Hühnerknochen, immerhin Zeichen einer guten Ernährung, störte ihn. Wir alle im Lager versuchten mühsam, ihn zu besänftigen. Alle fürchteten ihn, weil man ihm nicht traute. Unsere Hoffnung auf eine gedeihliche Zusammenarbeit setzten wir darauf, dass er ein Liebchen hatte. Dieses kam von auswärts immer zum Wochenende herüber und äußerte Wünsche, speziell mir und meiner Frau gegenüber, die zu erfüllen wir uns bemühten. Wohl waren es für heutige Begriffe nur bescheidene Forderungen wie nach Handtasche, Schirm, Schal oder Bluse, Bohnenkaffee und dergleichen, aber unter den damaligen Verhältnissen dergleichen beizubringen war sehr schwierig.
Auf Schönwetter bei Braun bedacht, sorgten wir dafür, dass diese Wünsche immer erfüllt wurden. Abgesehen von kleineren Schikanen passierte nichts Ungewöhnliches unter seiner Herrschaft, nur einen Vorfall muss ich erwähnen: Im März 1944 wurde ich ans Lagertor gerufen, als ein Auto mit SS-Offizieren draußen stand. Braun stand dabei, ich meldete mich und wurde aufgefordert, vierzig Schneider und Schneiderinnen zu stellen, beziehungsweise namhaft zu machen. Sie sollten am nächsten Morgen nach Stawy geschafft werden, wo sie Uniformen für Wehrmachtshelferinnen nähen sollten, die sich schon in überstürzter Flucht vor den Russen befanden.
Ich selbst kannte aus mir zugegangenen Informationen die Verhältnisse in Stawy. Erschießungen und Misshandlungen von Juden waren an der Tagesordnung und eine Versetzung unserer Leute dorthin bedeutete meiner Ansicht nach ein Todesurteil. Krampfhaft überlegte ich, wie ich dieses Unglück abwenden konnte. Ich kann es nur höherer Eingebung zuschreiben, dass ich auf die Idee kam, den wortführenden Hauptsturmführer zu sagen, dass unsere Leute diese Arbeit gern zusätzlich, in ihrer Freizeit, übernehmen würden, in Anbetracht der Dringlichkeit, und dass nur das Material ins Lager gebracht werden brauchte. Dass mein Vorschlag Anklang fand, möchte ich auch darauf zurückführen, dass infolge des unerwarteten Zustroms in Stawy Platzmangel herrschte. Jedenfalls wurde die Idee gutgeheißen und wir behielten unsere Leute im Lager. Das Beste aber war, dass nach meiner Meldung dieses Vorfalls bei der Kommandantur die Durchführung der Aktion verweigert wurde. Man ließ die gelieferten Stoffe und Zutaten wieder zurückgehen, so dass das Ganze im Sande verlief. Im Lager selbst geriet diese Angelegenheit sehr rasch in Vergessenheit, wie man überhaupt bald selbst nach bedeutenden Ereignissen den kleinen Alltagssorgen mehr Aufmerksamkeit schenkte und wenig den großen Ereignissen nachhing.
Diese Handlungsweise ist leicht erklärlich durch die Ungewissheit des eigenen Schicksals, ohne Möglichkeit, es selbst zu beeinflussen. Man lebte nur für das Heute und überließ das Kommende einer glücklichen Schicksalsfügung. Gleichmut und Gleichgültigkeit waren allgemein.
Das Jahr 1944 war gekennzeichnet durch die Ereignisse an der zusammenbrechenden Ostfront. Der unaufhaltsame Rückzug blieb uns nicht verborgen, auch wussten wir von der erfolgreichen Westoffensive der Alliierten. Unsere Informanten waren Polen, die am Horst tätig waren und anscheinend mit Partisanen in Verbindung standen, die über Rundfunkgeräte verfügten und Nachrichten aus dem Ausland empfingen. Auch von Seiten der Deutschen wurden wir über die Lage informiert.
Ich wurde einmal, als ich dienstlich zur Kommandantur unterwegs war, von einem uniformierten deutschen Soldaten angesprochen, der mich mit Namen nannte und sich als Architekt aus Wien vorstellte. Im Gespräch erwähnte er den Zusammenbruch der Ostfront und prophezeite das baldige Eintreffen der Roten Armee in Deblin. Er bot mir an, mit ihm, der einer Widerstandsorganisation angehörte, in den Untergrund zu gehen. Es sei die einzige Möglichkeit, sich zu retten. Er wusste, dass beim Rückzug der Deutschen aus Polen zuvor alle Juden vernichtet würden. Der Befehl der „verbrannten Erde” sei bereits erlassen. Ich erklärte ihm, dass ich meine Familie nicht im Stich lassen konnte und er verabschiedete sich bedauernd.
Ich hatte ihn jedoch auch ein wenig in dem Verdacht, ein agent provocateur zu sein. Ich hätte auch sonst, wenn ich keine Familie im Lager gehabt hätte, seinen Vorschlag nicht angenommen, meiner Kameraden wegen. Ich erzählte den Vorfall meinem „Ältestenrat” und man freute sich, dass ich so verantwortungsvoll dachte. Anfang Juli wurde ich von Braun einem deutschen Zivilisten namens Bartenschlager vorgestellt, der mich über meine Lagerinsassen ausfragte. Ich konnte ja nicht ahnen, wer Bartenschlager war und welche Rolle er noch spielen sollte. Ich wusste nichts über den Zweck seines Besuches und hielt ihn für einen persönlichen Bekannten des Unteroffiziers. Seine Fragen beantwortete ich sehr zurückhaltend und vorsichtig. Er selbst wunderte sich darüber, dass Juden im Polen des Jahres 1944 noch so gut gekleidet und ernährt aussahen. Ich erklärte ihm dieses mit der Anerkennung unseres Arbeitseifers, unserer Disziplin und unseres Fleißes durch die Kommandantur. Als er beim Abschied „Auf Wiedersehen” sagte, ahnte ich nicht, wie bald wir uns wiedersehen sollten. Kurze Zeit danach wurde Braun überraschend abgelöst. An seine Stelle trat der Feldwebel Rademacher aus Berlin, ein älterer, langgedienter Unteroffizier. Ruhig und gelassen verhandelte er mit mir, immer legte er Wert auf meine Stellungnahme. Ich vermute, dass ich ihm von der Kommandantur als vertrauenswürdig empfohlen worden war.
Am 14. Juli 1944 wurde ich zum Oberstabszahlmeister, unserem obersten Lagerchef befohlen, der mir eröffnete, dass wegen Vorrücken der Front unser Lager nach Czenstochau in das Warthewerk, eine Munitionsfabrik, evakuiert würde. Das Lager unterstände dem Werkschutz, nicht der SS, und er habe mit dem Werkschutzleiter bereits gesprochen. Es sei dafür gesorgt, dass wir dort menschlich behandelt würden, ähnlich wie in Deblin. Meine erste besorgte Frage galt dem Schicksal der Frauen und Kinder, denn ich wusste aus Berichten von Polen und Deutschen, was die SS mit jüdischen Kindern machte. Wolfram versicherte mir bei seinem Offiziersehrenwort, dass unseren Kindern nichts geschehen würde. Ich weiß nicht, was mich bewog, an seinem Ehrenwort zu zweifeln, und was mir den Mut gab, ihn zu bitten, mir einen Brief mit der Unterschrift des Obersten Hönig, des Horstkommandanten, mitzugeben, um unsere Mütter und Väter zu beruhigen. Ich bin froh, diesen Einfall gehabt zu haben, denn für 36 Kinder sollte dieser Brief die Rettung bedeuten. Erstaunlicherweise stieß ich bei Wolfram nicht auf Ablehnung, im Gegenteil, er versprach mir, einen solchen Brief dem Transportleiter mitzugeben.
Bei dieser Besprechung war unser Arbeitseinsatzleiter, der Deutschpole Wiszniewski anwesend, der den Befehl erhielt, das Lager in drei Gruppen aufgeteilt zum Abtransport vorzubereiten. Als Termine wurden für die Gruppe I der 17. Juli, für Gruppe II der 20. Juli und für die letzte Gruppe der 23. Juli 1944 festgesetzt. Ausdrücklich wurde von Wolfram darauf bestanden, dass auch die Kinder anteilsmäßig mitgehen sollten, damit sie nicht in großer Anzahl auffielen und damit einer Aussonderung anheimfielen. Wiszniewski versprach, alles nach Befehl auszuführen und auch auf die Familieneinheit zu achten. Mit sehr gemischten Gefühlen verließ ich die Kommandantur und begab mich voller Sorge ins Lager. Unsere Lage in Deblin war ja im Vergleich zu anderen Lagern erträglich, wie aber würde sich alles in Czenstochau gestalten? Unsere Leute arbeiteten in Deblin meist im Freien, wie würden sie sich in Fabriksräumen fühlen, wo sollten unsere Kinder bleiben, während die Erwachsenen arbeiteten? Wie waren die sanitären Verhältnisse in Czenstochau?
Von der Kommandantur bis zum Lager waren es etwa 2500 Meter. Ich fuhr mit einem Fahrrad. Sonst dauerte es zehn Minuten, doch diesmal brauchte ich fast die doppelte Zeit. Voller Sorge überlegte ich, was für Folgen die Ausführung meines Auftrags haben könnte. Ich hatte Menschen, mit denen ich bei Gefahr rechnen konnte, ich wusste, wenn auch nicht alles, so doch das meiste über die uns drohenden Gefahren unter der deutschen Herrschaft. Ich wusste, dass wir der Willkür eines einzelnen ausgeliefert waren und wie ungewiss die nächsten Tage waren. Alles hing vom Zufall ab. Welche Überlebenschance hatten wir? Uns blieb nur die Hoffnung. Was ich nicht in mein Kalkül einbezog, war die Wirkung der Nachricht auf meine Lagerkameraden. Hier sollte ich die menschliche Unzulänglichkeit noch kennenlernen.
Ich rief am Abend die gesamte Belegschaft, ausgenommen die Kinder, zusammen und teilte ihnen das Ergebnis meiner Unterredung mit Wolfram mit, auch mein Bemühen um die Sicherheit der Kinder und die schriftliche Zusicherung. Zuerst war es totenstill, dann brach ein Sturm von unerwartetem Ausmaß los. Ein Geschrei voll Hysterie erhob sich, wie bei einem Schiffsuntergang. Die entfesselte Menge tobte, sonst ruhige Männer überschrien sich, Mütter kreischten vom kommenden Ende ihrer Kinder und alle redeten von Flucht aus dem Lager. Kein vernünftiges Argument fand Gehör und es schien, als sei die Hölle losgelassen.
Ich sah, dass auf die Menge kein Verlass war und berief den „Ältestenrat” in die Kanzlei, weil ich mir für meine Bitte, die Sache in Ruhe zu überdenken, kein Gehör verschaffen konnte. Wir berieten, wie wir den Abtransport ohne besondere Härten abwickeln konnten. Wir dachten besonders daran, die Familien nicht zu zerreißen, weil wir der Zusage, dass unser ganzes Lager nach Czenstochau verlegt würde, nicht so recht glaubten. Es war eine sehr lange Unterredung und sorgenvoll gingen wir zur Ruhe. Am Morgen zeugten gerötete Augen davon, dass die wenigsten schlafen konnten. Mittags erschien Wieszniewski im Lager und gab die Namensliste des ersten Transports bekannt, die er nach dem Grade der Abkömmlichkeit zusammengestellt hatte. Die Liste wurde am Abend angeschlagen und unter den Betroffenen entstand wieder große Erregung. Keiner wollte der erste sein, der Deblin verließ. Ich musste die betrübliche Erfahrung machen, dass gerade jene Lagerinsassen, denen ich im Laufe unseres Lageraufenthalts am meisten geholfen hatte, die ärgsten Randalierer wurden und mich mit den ärgsten Schimpfworten bedachten, als ob ich Schuld hätte an der misslichen Lage, die allein eine Verlegung des Lagers notwendig machte.
In den Tagen bis zu unserer Verlegung nach Czenstochau erlebte ich mehr menschliche Schwächen, mehr Undankbarkeit und menschliche Unzulänglichkeit als in meinem ganzen sonstigen Leben. Es tobte sich ein Egoismus ohnegleichen aus. Sonst freundliche Gesichter verzerrten sich zu Fratzen, ruhige Stimmen überschlugen sich und die nackte Furcht machte mich zum willkommenen Sündenbock aller. Wenn ich an die Schmeicheleien und Freundschaftsbeteuerungen denke, die mir vorher zuteilwurden und an diese bitteren Tage, dann habe ich das beste Beispiel für die Wandelbarkeit menschlicher Gesinnung. Fleute ein Hosiannah, weil man gebraucht wird, morgen ein Pereat gerade von denen, die die größten Nutznießer waren. Die drei Tage bis zum Abtransport brachten ungeheure nervliche Belastung. Ich bemühte mich, die Lagerdisziplin aufrecht zu erhalten, was in der Atmosphäre allgemeiner Auflösung nahezu hoffnungslos schien. Die Unruhe unter den Insassen war zu groß. Jeder weigerte sich, zu einer Gruppe eingeteilt zu werden. Zwang anzuwenden war gefährlich, denn alles musste so abgewickelt werden, dass die deutschen Stellen auch nicht den geringsten Verdacht aufrührerischer Stimmung hegen konnten. Es war nicht schwierig sich auszumalen, was die Deutschen unternehmen würden, falls sie bemerkten, dass wir nicht mehr gehorchten. Kaum hundert Meter vom Lager entfernt lagen schwerbewaffnete Soldaten im Lufttanklager, 250 Meter weiter Wachmannschaften der STALAG, eines Kriegsgefangenenlagers, und es gab die anscheinend noch aktionsfähige Gendarmerie in Irena und auch auf dem Flugplatz eine größere Anzahl Bewaffneter. Auflösungserscheinungen, so befürchtete ich, könnten eine völlige Vernichtung zur Folge haben. Umso besorgter war ich, als einige junge Hitzköpfe das allgemeine Durcheinander dazu benutzten, um aus dem Lager zu flüchten. Das Fehlen dieser Ausbrecher zu melden, wagte ich nicht, denn bei Bekanntwerden der Flucht hatte ich üble Folgen für alle und meine Familie zu erwarten.
Noch zwiespältiger waren meine Gefühle, als endlich, unter schwersten seelischen und nervlichen Belastungen für mich, der erste Transport am 17. Juli bereit war und man unbedingt verlangte, dass ich mitfahren sollte. Nur, wenn ich dabei sei, so glaubte man, bestünde die Gewissheit, dass es nicht ins Gas ginge, sondern dass man wirklich nur zum Arbeitseinsatz kam.
Als ich schon fast bereit war, dieser Aufforderung zuzustimmen, gab es förmlich einen Aufruhr unter den Zurückbleibenden. Da schienen die vorangegangenen Tage vergessen. Meine Beteuerung, dass ich doch zum Pfande meine Familie zurückließe, verhallte ungehört. Kurz zuvor noch hatte man mich als unentschlossen zu einer Heldentat bezeichnet, durch die ich als Befreier des Debliner Lagers in die Geschichte hätte eingehen können.
Nun aber vertraute man doch mehr auf meine mäßigenden Worte. Begleitet von unseren Segenswünschen verließ der erste Transport unter Aufsicht von Landsturmsoldaten, die ziemlich vertrauenswürdig aussahen, das Lager und die weitere Zusammenstellung ging ruhiger vonstatten.
Die Ereignisse an der Front überstürzten sich. Am Tag des Attentats auf Hitler kam es zum Zusammenbruch der deutschen Linien bei Kowel. Die Front rückte langsam näher und wir bemerkten eine spürbare Unruhe unter den Deutschen. Unsere Leute wurden nicht mehr auf den Horst zur Arbeit berufen, sondern mussten im Lager bleiben. Selbst die uns wohlgesinnten Deutschen schwiegen verbissen. Während man uns in der ersten Zeit prahlerisch die Siege im Osten vor Augen führte und uns später noch zuweilen die Lage der Front mitteilte, schwieg man sich nun über die militärische Lage aus. Aber der Zusammenbruch war offensichtlich. Um die Untätigkeit zu beheben, machte ich meinen Leuten weis, dass das Lager noch vor unserem Abmarsch in Ordnung gebracht werden müsse. Durch diese Beschäftigungstherapie wollte ich alle von den Problemen ablenken.
Erst am 22. Juli erhielten wir von der Kommandantur den Befehl, uns zum Abtransport bereitzuhalten. Wir sahen auch schon die Güterwaggons auf einem Gleis in unmittelbarer Nähe warten. Der Anblick der Güterwaggons veranlasste einige Kameraden, uns vorzuschlagen, doch den Augenblick zu nutzen, das Lager aufzulösen und in die Wälder zu flüchten. Doch der Wald war nicht nah genug, weit und breit gab es im Umkreis nur übersichtliche Ebene. Hier war ein Massenausbruch sinnlos und hätte sicherlich zu einem fürchterlichen Gemetzel geführt. Dazu überwiegend mit Frauen, Kindern und alten Leuten ein solches Experiment zu beginnen, war glatter Selbstmord.
Gegen Mittag wurden die Waggons abgezogen und wir hofften, dass unser Transport abgeblasen oder wenigstens verschoben würde. Diese Gelegenheit nutzten wiederum einige Leute zur Flucht, so dass schließlich fünfzig Insassen geflohen waren. Erst nach unserer endgültigen Befreiung im Januar 1945 erfuhren wir, dass nur eine geringe Anzahl überlebte. Die meisten fielen entweder den Deutschen, oder aber den A. K. (action krajowa), der polnischen nationalen Befreiungsarmee, die fast genauso judenfeindlich eingestellt war, zum Opfer. Meine Überlegung, den Abtransport als das kleinere Übel zu wählen, war leider richtig.
Am frühen Morgen des nächsten Tages erfolgte endlich die Verladung der über fünfhundert Lagerinsassen und ich war froh, dass infolge der überstürzten Eile jede Kontrolle unterblieb, so dass es mir erspart blieb, für die Geflüchteten geradezustehen. Vor der Abfahrt konnte ich noch Lagerführer Rademacher dazu bewegen, von der Kommandantur den Schutzbrief für unsere Kinder zu holen. Wie ungeheuer wichtig dieser Brief war, sollte sich dann in Czenstochau zeigen. Dieser Weg verhinderte, dass Rademacher an der Zählkontrolle teilnahm, brachte mich aber in den Verdacht, zur nochmaligen Bereitstellung der Waggons beigetragen zu haben. Das wurde mir in Czenstochau vorgeworfen, obwohl ich mit Rademacher nur den Brief holte. Allerdings musste ich fast zwei Stunden warten, denn in der Kommandantur war der Teufel los. Alles befand sich im Aufbruch und eine panikartige Zusammenbruchsstimmung herrschte.
Bei der Abfahrt aus Deblin hörten wir schon das dumpfe Grollen der näherkommenden Front. Abends in Radom stieg SS in den Zug, was bei uns Besorgnis hervorrief, denn die SS hatte für uns stets etwas Furchterregendes. Unser Transportführer Rademacher erklärte den SS- Leuten kurz und bündig, dies sei ein Transport des Fliegerhorstes Deblin, der nach Czenstochau überstellt würde. So blieben wir unbelästigt und fuhren ununterbrochen zwei Tage lang, bis wir in Czenstochau ankamen. Es war ein Glück für uns, dass wir uns bei der Abreise mit Verpflegung eingedeckt hatten und nicht auf Nachschub, den wir nie bekommen hätten, angewiesen waren. Jeder von uns hatte reichlich Gepäck mit Kleidern, Wäsche und dergleichen, außerdem hatte unser Fouragist, Kamerad Pollak, den glücklichen Einfall, vor der Abfahrt ziemlich viel Lebensmittel an alle zu verteilen. Wir führten sogar für unsere Kranken reichlich Medikamente mit.