Teil 1 — Der Bericht (1963)
Czenstochau
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Am späten Abend des 25. Juli kamen wir in Czenstochau an. Rademacher telefonierte mit dem Warthewerk, unserem künftigen Aufenthalt, und erhielt den Bescheid, dass wir am nächsten Tag abgeholt würden. Wir verbrachten die Nacht unruhig in den Waggons. Am Morgen wurden die abgekoppelten Güterwagen von den Abstellgleisen auf das Fabriksgelände gebracht.
Der Anblick des elektrisch geladenen Fabrikszauns, der hohen Wachttürme und der schwerbewaffneten Werkschutzleute am Fabriktor ließ uns ein schweres Schicksal ahnen. Mehr konnten wir aus den nur wenig breiten Türspalten nicht sehen. Als der Zug hielt, wurden die Wagentüren von außen mit Geschrei aufgerissen und wir blickten auf einen Haufen Werkschutzleute in grünen Uniformen. Teils richteten sie Maschinenpistolen auf uns, teils schlugen sie mit Peitschen wild auf uns ein und trieben uns aus den Waggons. Wir hatten nicht die Illusion gehabt, in sonderlich gute Verhältnisse zu geraten, aber dass es so arg kommen konnte, darauf war keiner gefasst und uns befiel größte Verzweiflung.
Man warf mir vor, in Deblin nicht den Mut zu einer besseren Entscheidung gehabt zu haben und meinte, schon Gas zu spüren, als man die hohen Fabrikschornsteine sah, aus denen dichter Rauch quoll. Dazu kam noch, dass unsere Kinder ausgesondert wurden. Wir mussten das mitgebrachte Gepäck weglegen und zum Appell auf dem weiträumigen Fabrikhof, nach Männern und Frauen getrennt, antreten. Feldwebel Rademacher und seine Begleitsoldaten stellten sich gleichgültig beiseite, als ob sie gar nichts mit uns zu tun hätten.
Unsere Hoffnung, unter dem Schutz der Wehrmacht zu stehen, war dahin. Schwermut befiel mich und ich bangte wie noch nie um das Schicksal meiner Kameraden und last not least um das meiner Familie. Bisher hatte ich in allen noch so aussichtslos scheinenden Situationen den Kopf oben behalten, immer irgendeinen Hoffnungsschimmer gehabt, aber diesmal glaubte ich tatsächlich, unser Ende sei gekommen. Seitwärts weinten die schwer bewachten Kinder und schrien nach ihren Eltern.
Von Ruthi, meiner Schwiegermutter und meiner Frau getrennt, ohne zu wissen, was aus ihnen, was aus mir wurde, das war ein harter Schlag. Kein Wunder, dass ich Zweifel an mir selbst hatte. War es richtig, den Zusicherungen Wolframs geglaubt zu haben? Es waren Momente der größten Verzweiflung.
Wir standen über eine halbe Stunde in Reih und Glied, umringt vom Werkschutz, der uns, die Maschinenpistolen im Anschlag, finster und drohend beobachtete. Die nichts Gutes verheißenden Blicke wirkten derart deprimierend, dass wir nur stumm unsere Augen auf die seitwärts stehenden Kinder richteten. Das Warten auf den Werkschutzleiter dauerte nur eine halbe Stunde, aber unter der nervlichen Belastung kam es uns wie eine Ewigkeit vor. Wir waren so voller Furcht, dass wir jede Schmerzäußerung, jeden Laut vergaßen.
Endlich erschien der Erwartete, begleitet von seinem Stellvertreter Keutsch und einigen Werkschutzleuten. Da er eine SS-ähnliche dunkle Uniform trug, erkannte ich ihn nicht. Erst, als er mit lauter Stimme ausrief: „Wo ist Wenkart?” und mich zu sich befahl, erkannte ich, dass es Bartenschlager war, jener Bartenschlager, der mich im Lager über die Lagerinsassen ausgefragt hatte und wissen wollte, ob sie zur Arbeit geeignet seien. Diese persönliche Anrede riss mich aus meiner Lethargie und ich fasste neuen Mut. Mein angeborener Optimismus ließ mich wieder hoffen.
In zackiger Haltung meldete ich mich, wie in Deblin gewohnt, mit Namensnennung und meldete den Antritt des Debliner Lagers. Gleich darauf sagte ich, ohne die Reaktion abzuwarten: „Herr Werkschutzleiter, wir haben das Ehrenwort eines deutschen Offiziers und einen diesbezüglichen Schutzbrief. Ich hoffe, dass ein Ehrenwort eines Obersten noch gilt und dass unseren Kindern nichts geschieht.” Gottlob unterbrach er meinen Wortschwall nicht und erst als ich geendet hatte fragte er: „Wo ist dieser Brief?” „Den hat unser Transportleiter Rademacher”, erklärte ich sofort. Rademacher wurde gerufen und gab Bartenschlager den Brief. Der riss das Couvert auf, entfaltete den Brief und las, einmal, noch einmal und schüttelte den Kopf, während wir gespannt auf sein Gesicht blickten und auf die Entscheidung warteten. Ich wusste nichts von dem Inhalt des Briefes und war daher sehr überrascht, als Bartenschlager nach dem Durchlesen fragte: „Wenkart, dein Kind ist auch dabei? Das kannst du haben, aber die anderen müssen aus dem Lager verschwinden.”
Ich protestierte: „Herr Werkschutzleiter, mir geht es nicht um mein Kind. Entweder alle oder keines! Aber wenn Sie uns die Kinder nicht wiedergeben, dann knallen Sie mich sofort nieder, weil ich so ein Idiot war und auf das Ehrenwort eines deutschen Offiziers vertraut habe.” Ich sah, dass meine Worte nicht ohne Wirkung blieben. Unter meiner Begleitung breitete sich Unruhe aus, man schien nur auf einen Befehl zu warten, um mir meine Frechheit heimzuzahlen. Bartenschlager wandte sich wortlos ab und gab seinem Stellvertreter den Befehl, zunächst die Männer, dann die Frauen in die Unterkünfte zu bringen. Die Kinder sollten, getrennt von den Erwachsenen außerhalb des Lagers untergebracht werden. Eine endgültige Entscheidung über ihr Schicksal wurde nicht gefällt. Niedergeschlagen folgten wir unseren Bewachern zu den Quartieren in der Fabrik. Der einzige Lichtblick in unserer tristen Lage war, dass wir unsere Kinder in einer von einem Garten umgebenen Holzhütte außerhalb des Lagers untergebracht wussten. Wir sahen sie spielen und es waren sogar Zurufe möglich. Einen Satz Ruthis, die damals noch keine sechs Jahre alt war, möchte ich erwähnen, weil er den Ernst des Kindes zeigt: „Sie haben uns Tee geben wollen, aber wir haben ihn nicht getrunken, der könnte ja Gift enthalten!” Was musste wohl im Inneren solcher Kinder vorgehen, wenn solche Gedanken sie bewegten! Die Auswirkungen der Trennung waren unterschiedlich. Während ein Teil der Betroffenen laut wehklagte, war der größere Teil pessimistisch bis zur Ekstase. Diese Verzweifelten fielen über mich her, noch aufgehetzt durch die Teilnehmer des ersten Transports, denen man auch die Kinder weggenommen hatte. Über das Schicksal der sechszehn Kinder war auch nichts bekannt und man beschimpfte mich auf unvorstellbare Weise. Ich musste alles ohne das geringste Gefühl einer Schuld über mich ergehen lassen.
Es waren zwei bittere Tage für mich. Zwar verstand ich die Sorge der Eltern, aber die Haltlosigkeit und die unflätigen Beschimpfungen kränkten mich sehr.
Am dritten Tag kamen wie durch ein Wunder die Kinder wieder zu uns ins Lager. Die Frau des Werkschutzleiters stand kurz vor einer Entbindung und die behandelnde Hebamme hatte sie gebeten, doch hinzuwirken, dass die jüdischen Kinder den Eltern zurückgegeben wurden.
Diesen Tag werde ich bis an mein Lebensende nicht vergessen. Wenn ich je im Glauben wankend war, das ließ mich gläubig werden. Nicht nur, dass die Kinder im Lager einen Freudentaumel auslösten, sie schafften auch mir persönlich Ruhe. Bartenschlager selbst sagte im Lager zu Jolles, dem Lagerältesten so, dass es viele hörten: „Nur Wenkarts Auftreten hat mich dazu bewogen, die Kinder wieder ins Lager zu lassen.”
Ich glaube nicht daran, eher schon mag die Sorge um das Neugeborene ihn dazu bewogen haben. Aber sicherlich hat mein Auftreten dazu beigetragen, dass die Kinder nicht schon am Tag der Ankunft aus dem Lager geschafft wurden, wie es beim ersten Transport geschehen war.